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Dalai Lama im Interview:"China mischt sich auch in Deutschlands Angelegenheiten ein"

SZ: Jüngst gab es tibetische Proteste in Lithang, in der Provinz Kham, die zwar unblutig endeten, aber zur Folge hatten, dass die komplette tibetische Beamtenschaft durch Chinesen ersetzt wurde. Welche Möglichkeiten des Protests haben Tibeter, die zunehmend frustriert sind - zumal Sie ja in jeder Hinsicht für Gewaltfreiheit eintreten?

Dalai Lama: Wir halten uns strikt an dieses Prinzip. Und dafür sind wir in gewisser Weise bereits zum Modell für die ganze Welt geworden. Wut sollte sich niemals in Gewalt äußern, denn das führt zu immensem Leid. Vielmehr sollte unsere Wut uns noch entschlossener machen, unseren Kampf genau so weiterzuführen wie bisher.

Natürlich gibt es unter den Tibetern und unseren Unterstützern zunehmend Kritik an dieser Gewaltlosigkeit. Weil sie keine konkreten Fortschritte sehen. Glücklicherweise haben die Tibeter in Lithang sich von der chinesischen Armee nicht provozieren lassen.

Das war eine spontane Protestaktion. Ein Tibeter hatte religiöse und politische Freiheiten gefordert, und etwa 5000 Tibeter, darunter viele Nomaden, solidarisierten sich friedlich mit ihm. Doch die Chinesen hörten sich die Beschwerden nicht einmal an. Stattdessen schickten sie 10000 Soldaten.

SZ: Seit 2002 stehen Ihre Gesandten und Vertreter der chinesischen Regierung in Kontakt. Zunächst waren diese Gespräche als Erfolg gefeiert worden, aber langsam macht sich Enttäuschung breit, weil sie nichts gebracht hätten. Sie werden weiter als Spalter der Nation beschimpft. Läge es da nicht nahe, die Gespräche zu beenden?

Dalai Lama: Das wäre die europäische Art, nicht die asiatische. Was verlieren wir, wenn die Gespräche weitergehen? Nichts. Hauptziel der Gespräche ist es, Vertrauen aufzubauen. Und wenigstens sind sich die beiden Seiten nun über ihre Positionen klargeworden, so ist die Gefahr von Missverständnissen ausgeschlossen.

Allerdings besteht in der chinesischen Haltung ein Widerspruch: So erkannten die chinesischen Repräsentanten beim fünften Treffen an, dass ich nicht nach Unabhängigkeit Tibets strebe. Und dennoch gehen die Anschuldigungen, ich sei ein Spalter, von offizieller Seite weiter.

SZ: Gibt es aus Ihrer Sicht irgendeine Chance auf einen Kompromiss?

Dalai Lama: Das wäre mein sogenannter mittlerer Weg. Tibet ist in materieller Hinsicht ein rückständiges Land. Jeder Tibeter wünscht sich Modernisierung. Daher wollen wir keine Unabhängigkeit. Wenn wir in der Volksrepublik bleiben, können wir viel profitieren. Aber wir sollten echte Autonomie bekommen. Statt Chinesen sollten Tibeter bei uns das Sagen haben.

SZ: Aber schon jetzt leben doch in Tibets Städten mehr Chinesen als Tibeter. Was würde eine wirklich autonome tibetische Regierung denn mit diesen Chinesen machen?

Dalai Lama: Autonomie heißt für mich auch, dass die Tibeter in der Mehrheit sein müssen. Das Gegenteil könnten wir nicht akzeptieren. Vor vielen Jahren, bei meinem ersten Besuch in Lettland, sagte mir ein Abgeordneter: Alle Russen, die Lettisch sprechen und die lettische Kultur respektieren, können bleiben - sofern es nicht zu viele sind. Alle anderen sollten Lettland lieber verlassen.

So wäre es auch in Tibet. Alle Chinesen, die Tibetisch sprechen und die tibetische Kultur respektieren, können bleiben, sofern es nicht zu viele sind. All jene Chinesen, die der Meinung sind, dass Tibeter stinken, sollten unser Land lieber verlassen.