Russland:Terroristen greifen Synagogen und Kirchen an

Lesezeit: 2 min

Terror in Dagestan: Republikchef Sergej Melikow (Mitte) in der ausgebrannten Synagoge in Derbent. (Foto: Regierung Region Dagestan/Reuters)

Mehr als zwei Dutzend Menschen werden in der armen Region Dagestan im Nordkaukasus bei Attacken getötet, die Islamisten zugeschrieben werden. Auch die Ukraine wird schnell beschuldigt.

Von Frank Nienhuysen

Der kräftige Mann, der an der Straße seine halbautomatische Waffe auf eine Stahlbrüstung legt, macht sich nicht einmal die Mühe, sein Gesicht zu verstecken. Schwarzes T-Shirt, Vollbart, lichtes Haar, den Oberkörper vorgebeugt, er feuert, dreht sich zu seinem Kumpel um und geht aus dem Bild. Dagestan, eine russische Teilrepublik im Nordkaukasus, hat am Sonntagabend einen der schwersten Terrorangriffe der vergangenen Jahre erlebt, in zwei Städten gleichzeitig.

In der Küstenstadt Derbent am Kaspischen Meer wurden eine orthodoxe Kirche und eine Synagoge angegriffen. Die Synagoge geriet in Brand, anschließend gingen die Täter zu einer orthodoxen Kirche, töteten einen Wachmann und schnitten dem 66 Jahre alten Priester die Kehle durch.

„Wir müssen verstehen, dass der Krieg auch in unser Haus kommt“

In der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala brannte ebenfalls eine Synagoge, die Täter griffen auch dort eine Kirche an und einen Posten der Verkehrspolizei. Erst am Montagmorgen um 8.15 Uhr erklärten die Behörden den Antiterroreinsatz für beendet. Insgesamt seien bei den Angriffen 15 Angehörige der Sicherheitsdienste ums Leben gekommen, außerdem vier Zivilisten. Sechs Angreifer seien getötet worden.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax schrieb am Montag, dass die Ermittler jetzt vor der Aufgabe stünden, „detailgenau das Bild des Geschehenen“ zusammenzusetzen. Einige vage Deutungen aber wurden schon gemacht, zum Beispiel vom Republikchef Dagestans, Sergej Melikow. „Wir müssen verstehen, dass der Krieg auch in unser Haus kommt. Wir haben das schon früher gespürt, aber jetzt sind wir damit unmittelbar konfrontiert“, zitierten ihn mehrere russische Medien. Was er genau meinte, erklärte er nicht. Er schien auf Russlands Krieg gegen die Ukraine anzuspielen.

Dass Spuren ins Ausland gelegt werden, kommt in Russland häufig vor

In russischen Medienberichten machte auch schnell die Runde, dass die Behörden die Angreifer als „Anhänger internationaler Terrororganisationen“ bezeichnet hätten und betonten, diese hätten ausländische Waffen eingesetzt. Nach einem Bericht der Zeitung Nowaja Gaseta beschuldigte ein dagestanischer Abgeordneter Islamisten des ukrainischen Geheimdienstes und der Nato-Staaten, für den Terror verantwortlich zu sein. Dass erst einmal Spuren ins Ausland gelegt werden, kommt in Russland häufig vor seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Der Kreml äußerte sich bisher nicht.

Das Videobild soll um sich schießende Terroristen in Dagestans Hauptstadt Machatschkala zeigen. (Foto: via REUTERS)

Allerdings sind bereits einige konkrete Namen gefallen. So sollen unter den Angreifern in Dagestan zwei Söhne und der Neffe eines Lokalpolitikers sein, des Oberhauptes der dagestanischen Region Sergokalinskij, Magomed Omarow. Dieser wurde nach Berichten russischer Medien festgenommen, seine Wohnung sei durchsucht worden. Und, so meldete die Nachrichtenagentur Interfax, die Regierungspartei Einiges Russland habe Omarow bereits aus der Partei ausgeschlossen.

Das muslimische Dagestan im Süden Russlands, Nachbarrepublik von Tschetschenien, gilt als eine der ärmsten und unruhigsten Regionen Russlands und damit auch anfällig für radikale Gruppen. Immer wieder haben sich junge Islamisten aus Perspektivlosigkeit der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen. Islamisten aus Dagestan sollen sich auch im März am Terroranschlag auf die Moskauer Crocus City Hall beteiligt haben, der FSB hob kurz darauf Terrorzellen in Machatschkala und Kaspijsk aus.

Im vergangenen Herbst stürmte in Dagestan eine Menschenmenge den Flughafen von Machatschkala, als dort eine zivile russische Maschine aus Tel Aviv gelandet war. Dutzende Menschen wurde verletzt. Israel forderte damals die russische Regierung auf, israelische Staatsbürger und jüdische Organisationen zu schützen. Drei Wochen zuvor hatte die Terrorgruppe Hamas Israel angegriffen, mit der Moskau nach wie vor Kontakte pflegt.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusRussland
:Schock, Trauer, Zensur

Zwei Wochen sind vergangen seit dem Anschlag auf die Crocus City Hall. Aufklärung? Wird es nicht geben. Die Russen kriegen von Putin, was sie immer bekommen: Propaganda. Stimmen aus einem Land, in dem Fragen unerwünscht sind.

Von Silke Bigalke

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: