Dänische Kolonialgeschichte:Gestohlene Kindheit

Lesezeit: 2 min

ARKIV Tema om groenlandske ferieboern Helene Thiesen blev i 1951 tvangsfjernet fra sin groenlands

Keiner sagte ihnen, dass sie ihre Familien nicht wiedersehen würden: 22 Kinder aus Grönland sollten 1951 zu einer grönländischen Elite umerzogen werden.

(Foto: Nikolai Linares/Ritzau Scanpix/Imago Images)

22 grönländische Kinder wurden 1951 nach Dänemark verschleppt. Sie waren Teil eines Menschen-Experiments - mit dramatischen Folgen. Jetzt fordern die Überlebenden finanzielle Entschädigung.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Es war der Sommer des Jahres 1951, als das Schiff MS Disko die Küste Grönlands entlangsegelte und die Kinder holte. Ein fünfjähriges Mädchen wurde ohne Vorwarnung von zu Hause abgeholt, sie dachte, sie bekäme eine Bootsfahrt spendiert. Einer Achtjährigen und ihrer Familie erzählte man von einer Ausflugsfahrt nach Dänemark. Am Ende waren 22 Kinder an Bord. Anfangs, berichtet eine der Überlebenden heute, fanden sie es sogar "ein wenig spannend". Die meisten hatten noch nie ihren Heimatort verlassen, geschweige denn Grönland, das damals eine dänische Kolonie war.

Keiner sagte ihnen, dass sie ihre Familien nicht wiedersehen würden. Das man ihnen ihre Sprache und ihre Kultur nehmen würde. Keiner sagte ihnen, dass sie Teil eines Experiments waren. Eines Experiments der Kolonialbehörden, die sich die Kinder griffen für einen Versuch, aus ihnen vermeintlich bessere Menschen zu machen: also richtige Dänen. Die 22 Mädchen und Jungen sollten erzogen werden zu einer neuen grönländischen Elite. Und dazu wollte der dänische Staat ihnen zuerst alles Grönländische austreiben.

Man brachte sie nach Dänemark, in eine Ferienkolonie, dann wurden sie auf Pflegefamilien verteilt. Sie durften nur noch Dänisch sprechen. 1953 wurden sie zurück nach Grönland geschickt, landeten in einem Kinderheim in der Hauptstadt Nuuk. Jeder Kontakt zur Familie, aber auch das Spielen mit einheimischen Kindern in Nuuk, wurde missbilligt, sie hätten ja zurückfallen können ins Grönländische.

Das Geld kann das Geschehene nicht wieder ungeschehen machen

Das Experiment scheiterte. Das Dänische, ja, das lernten sie alle, und das Grönländische vergaßen sie. Aber eine Elite wurde aus den Versuchskindern nie. Stattdessen hatte der Staat gebrochene Menschen aus ihnen gemacht. Viele ergaben sich dem Alkohol, einige brachten sich um.

Sechs der 22 leben noch, sie sind heute zwischen 75 und 78 Jahre alt. Im letzten Jahr wurde ihr Leid erstmals von der Regierung anerkannt, in einer in deren Auftrag veröffentlichten Studie. Danach entschuldigte sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen im Parlament bei den Betroffenen für das "Versagen" des dänischen Staates. Anfang dieser Woche nun gaben die Überlebenden bekannt, dass sie von diesem Staat eine Entschädigung fordern wollen: 250 000 Dänische Kronen pro Person, umgerechnet 33 600 Euro. Das Geld könne das Geschehene nicht wieder gutmachen, sagte Kristine Heinesen, eine der Überlebenden, der Zeitung Politiken. "Aber es würde zeigen, dass sie ihren Fehler eingestehen."

Die Regierung lehnt jede Entschädigung bislang ab. Für manche grönländischen Politiker und Aktivisten geht es bei der Geschichte jenseits der individuellen Schicksale auch um die Aufarbeitung der dänischen Kolonialherrschaft und der kulturellen Entfremdung, die diese mit sich brachte: einer Herrschaft, die den Grönländern über Jahrhunderte hinweg vermittelte, sie seien minderwertige Menschen.

Die Überlebenden sind auch bereit, vor Gericht zu ziehen. "Allein die Tatsache, dass sie es ein 'Experiment' nannten, hat mich total umgehauen", sagt Kristine Heinesen. "Wir waren Kinder, Menschen, und wurden 'Experiment' genannt."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB