Grönland-Krise„Ich entschuldige mich bei den Mädchen und Frauen“

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Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erkennt an, dass Dänemark Grönländerinnen und Grönländer systematisch diskriminiert hat.
Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erkennt an, dass Dänemark Grönländerinnen und Grönländer systematisch diskriminiert hat. (Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)
  • Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigte sich am gestrigen Mittwoch bei grönländischen Frauen, denen ab 1960 ohne Einverständnis Spiralen eingesetzt wurden.
  • Etwa 4500 Mädchen mussten sich der Prozedur unterziehen, viele konnten später nie Kinder bekommen und 143 Frauen verklagen Dänemark auf 5,7 Millionen Euro Schadensersatz.
  • Frederiksens Entschuldigung erfolgt vor dem Hintergrund von Trumps Drohungen, Grönland zu übernehmen, und US-amerikanischen Einflusskampagnen zur Schwächung der dänisch-grönländischen Beziehungen.
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Die dänische Regierung ließ Tausenden Grönländerinnen von 1960 an Spiralen einsetzen, viele von ihnen konnten später nie Kinder bekommen. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bittet dafür nun um Verzeihung.

Von Alex Rühle, Oslo

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen entschuldigte sich am Mittwoch offiziell bei all den grönländischen Frauen, denen dänische Ärztinnen und Ärzte von den Sechzigerjahren an Spiralen eingesetzt haben. In einer Pressemitteilung schrieb sie: „Entschuldigung. Ich entschuldige mich bei den Mädchen und Frauen, die systematischer Diskriminierung ausgesetzt waren. Weil sie Grönländerinnen sind. Weil sie sowohl körperlichen als auch psychischen Schaden erlitten haben. Weil sie im Stich gelassen wurden.“

Dänemark war bis 1992 für das grönländische Gesundheitssystem zuständig. Von 1960 an ließ die Regierung in Kopenhagen Mädchen und jungen Frauen auf der Insel im Nordatlantik Spiralen einsetzen, um die Geburtenrate zu senken, oftmals ohne die Mädchen über den Eingriff zu informieren oder das Einverständnis der Eltern einzuholen. Ungefähr 4500 Mädchen mussten sich dieser Prozedur unterziehen, einige von ihnen waren zum Zeitpunkt des Eingriffs gerade mal zwölf Jahre alt, viele der Betroffenen konnten später nie mehr Kinder bekommen, viele klagen seither über starke Schmerzen.

143 Frauen haben Dänemark verklagt

Der Skandal, der erst seit 2022 öffentlich zur Sprache kam, schadete den ohnehin angespannten grönländisch-dänischen Beziehungen enorm.  In Grönland wurde die Spiralkampagne mit einem Völkermord verglichen. Im vergangenen Jahr haben 143 Frauen den dänischen Staat wegen Menschenrechtsverletzungen verklagt, sie fordern 43 Millionen dänische Kronen (5,7 Millionen Euro) Schadenersatz.

Schon vor dem Prozess, im Oktober 2022, beschlossen die dänische Regierung und das grönländische Parlament eine Untersuchungskommission. Deren Abschlussbericht sollte ursprünglich im Mai dieses Jahres veröffentlicht werden und wird nun wohl im September erscheinen.

Frederiksen entschuldigte sich im Namen Dänemarks auch noch für andere „Versäumnisse, für die Dänemark verantwortlich ist, bei denen Grönländer systematisch anders und schlechter behandelt wurden als andere Bürger des Königreichs“. Sie wurde nicht konkreter, was sie damit meinte, aber Dänemark hat in den Fünfzigerjahren im Rahmen eines „Adoptionsprogramms“ grönländische Kinder ihren Eltern weggenommen, nach Kopenhagen verschifft und in dänischen Familien untergebracht, um aus ihnen eine „grönländische Elite“ zu formen. Außerdem hatten grönländische Kinder, die von dänischen Männern mit Grönländerinnen gezeugt worden waren, in Bezug auf ihre Väter jahrzehntelang keine Erbrechte.

Zu den Entschädigungsforderungen der 143 Klägerinnen schrieb Frederiksen, man werde nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts mit der grönländischen Regierung die Gespräche darüber fortsetzen, „wie wir am besten aus den dunklen Kapiteln unserer gemeinsamen Geschichte lernen und mit den konkreten Folgen umgehen können. Dies gilt auch für Fragen zu möglichen finanziellen Entschädigungen im Spiralfall und anderen Einzelfällen.“

Das große Interesse der USA an Grönland dürfte eine Rolle spielen

Frederiksens große Geste muss vor dem Hintergrund der massiven amerikanischen Drohungen gesehen werden, Grönland zu übernehmen. Donald Trump beharrt seit seiner Wiederwahl im vergangenen November darauf, die Vereinigten Staaten bräuchten die riesige Insel im Nordatlantik aus Gründen der Sicherheit, weshalb „der Besitz und die Kontrolle über Grönland unabdingbar“ seien. Das Wall Street Journal enthüllte im Mai, dass gleich drei Geheimdienste – CIA, NSA und DIA – von der Regierung beauftragt worden seien, Grönland und Dänemark auszuspionieren. Die beiden Länder sind Nato-Partner.

Am Mittwoch bestätigte der dänische Geheimdienst (PET) dem öffentlich-rechtlichen Sender DR, Grönland sei Ziel US-amerikanischer Einflusskampagnen. DR hatte zuvor einen Bericht gebracht, demzufolge acht verschiedene Quellen bestätigten, dass drei US-Amerikaner mit direkten Verbindungen zur Trump-Regierung versucht hätten, „Zwietracht zwischen Grönland und Dänemark zu säen“.

Einer von ihnen soll Namen von grönländischen Bürgern gesammelt haben, die Trumps Plan zur Übernahme Grönlands unterstützen. Außerdem sollen die drei Informanten gezielt Fälle aus der Vergangenheit gesucht haben, die Dänemark in den amerikanischen Medien in ein schlechtes Licht rücken. Man darf annehmen, dass die Skandale, für die Frederiksen jetzt bei der grönländischen Bevölkerung um Verzeihung bat, zu diesen Fällen gehören.

Die Psychologin Naja Lyberth, die den Spiral-Prozess ins Rollen gebracht hat, sagte der SZ bei einem Besuch in ihrem Haus in Nuuk im vergangenen Jahr, sie sei sicher, dass sie und die anderen Frauen vor Gericht gewinnen werden. Ihr sei aber wichtig, dass der Staat den Opfern jetzt schon eine Entschädigung zahlt. „Ich brauche das nicht finanziell“, sagte sie. „Aber diese ganz konkrete Entschuldigungsgeste ist für viele Frauen wichtig, um endlich ihren Frieden zu finden.“ Bula Larsen, eine der anderen betroffenen Frauen, mit denen die SZ seinerzeit sprach, schrieb in einer Mail am Donnerstag, es sei „heilsam“, von Frederiksens Entschuldigung zu lesen, „sodass dieses dunkle Kapitel endlich geschlossen werden kann“.

Grönland ist autonomer Bestandteil des Königreichs Dänemark. Mehr und mehr Grönländerinnen und Grönländer haben sich in den vergangenen Jahren für einen stufenweisen Unabhängigkeitsprozess von Dänemark ausgesprochen. Seit Trumps Drohungen wurde aber die politische Zusammenarbeit zwischen der autonomen Regierung in Nuuk und der Regierung in Kopenhagen wieder deutlich intensiviert.

Das Zerwürfnis zwischen den USA und Dänemark hat längst auch weitreichende ökonomische Folgen. So brachte die Financial Times zuletzt den plötzlich verordneten Baustopp für einen dänischen Windpark vor der Küste von Rhode Island mit der Grönlandkrise in Verbindung. Die Energiefirma Ørstedt hat das Offshoreprojekt, das Strom für 35 000 Haushalte erzeugen soll, bereits zu 80 Prozent fertiggestellt. Am vergangenen Freitag aber verbot das Bureau of Ocean Energy Management alle weiteren Bauarbeiten mit dem vagen und sehr knappen Verweis auf Bedenken „im Zusammenhang mit dem Schutz der nationalen Sicherheitsinteressen“.

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