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Dänemark:Der Missionar, der in die Kälte kam

Statue auf Grönland mit Farbe beschmiert

Das Denkmal für den Missionar Hans Egede auf einen Hügel über Grönlands Hauptstadt Nuuk wurde mit Farbe beschmiert.

(Foto: Christian Klindt Soelbeck/dpa)

Eine Statue verärgert in Grönland viele - nun beginnt auch Dänemark, über seine koloniale Vergangenheit zu debattieren.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Der Sturm auf die Denkmäler ist nun auch in der Arktis angekommen. "Inuit lives matter", schrieb ein dänischer Kommentator, nachdem Aktivisten in Grönland am vergangenen Sonntag die Statue des dänisch-norwegischen Pfarrers und Kolonisatoren Hans Egede mit Farbe beschmiert hatten und sie in großen Lettern mit dem Wort "Decolonize" versahen. "Entkolonisieren" also. Mit einem Mal ist die Debatte über die Kolonialvergangenheit auch im Königreich Dänemark angekommen, zu dem das autonome Grönland noch immer gehört.

Und dafür verantwortlich ist maßgeblich dieser Mann: Hans Egede. Es war im Sommer 1721, als das dänisch-norwegische Königreich die im ewigen Eis liegende Insel Grönland, zu der es vom europäischen Festland aus schon mehrere Jahrhunderte keinen Kontakt mehr gegeben hatte, erneut für sich entdeckte. Im Mai war von Bergen aus der dänischstämmige Pfarrer Hans Egede in See gestochen, mit 40 Kolonisatoren und dem Segen des dänischen Monarchen Frederick IV.

Hans Egede hoffte eigentlich, in Grönland Nachfahren der Wikinger zu finden

Dem evangelischen Pfarrer Egede stand von Anfang an der Sinn nach Missionierung, allerdings hoffte er aber eigentlich auch, auf Grönland die Nachfahren der mehr als 700 Jahre zuvor unter Erik dem Roten auf die Insel ausgewanderten Wikinger zu finden. Die Siedlungen der Wikingernachfahren aber waren längst untergegangen. Stattdessen traf Egede auf das Volk der Inuit. Eingeborene, die vor allem von der Jagd auf Rentiere, Robben und Wale lebten. Egede beschrieb die Inuit als freundlich und humorvoll, und gleichzeitig als "schmutzig", "dumm" und "träge". Menschen, die seiner Meinung nach dringend einer "Zivilisierung ihrer Seelen" bedürften.

Egede machte sich ans Werk. Er gründete eine Siedlung, aus der später die heutige Hauptstadt Nuuk erwuchs, baute eine Kirche, ging daran, aus den Inuit gute Christen zu machen. Gleichzeitig schilderte er in Berichten an den König zuhause den Reichtum an Meereskreaturen in schillerndsten Farben und warb darum, dass der Grönland doch eiligst seinem Reich zuschlagen möge. Die Christianisierung und die Kolonisierung Grönlands gehen auf den 1758 verstorbenen Missionar zurück.

Verglichen mit anderen europäischen Nationen hielten sich die Dänen immer für vergleichsweise milde und großzügige Kolonialherren - unter den Inuit in Grönland beurteilen das naturgemäß viele anders. Sie nehmen Hans Egede nicht nur seine teils herabwürdigenden Schilderungen ihrer Vorfahren übel ("Sie sind so furchtsam und dumm wie ihre Hunde"), sie sehen in ihm das Symbol einer an Grausamkeiten und Demütigungen reichen Kolonialgeschichte. Egede war der erste, der empfahl, die Inuit ihrer traditionell jägerischen und nomadischen Lebensweise und Kultur zu entwöhnen und sie sesshaft zu machen. "Das trüge einen großen Teil zu ihrer Konvertierung bei", schrieb er in einem Bericht an den König.

Diese Entwurzelung beklagen viele Aktivisten bis heute. Die 23-jährige Politikerin Aki-Matilda Høegh-Dam, eine der Abgeordneten Grönlands im Parlament in Kopenhagen mit dänischen und grönländischen Vorfahren, sprach sich nun dafür aus, die Statue Egedes in ein Museum umzusiedeln: "Letztendlich symbolisiert sie koloniale Gewalt". Ebenfalls für einen anderen Standort plädierte Daniel Thorleifsen, der Direktor des grönländischen Nationalmuseums: Die 1922 errichtete Statue steht hoch auf einem Hügel der Hauptstadt. "Für viele wirkt es provozierend, dass ein Missionar und Vertreter der Kolonialmacht einen so dominanten Platz im Stadtbild einnimmt", sagte Thorleifsen der grönländischen Zeitung Sermitsiaq AG.

Seit 1979 ist Grönland autonom, die Oberhoheit über Außenpolitik und Verteidigung liegt aber noch immer bei der Regierung in Kopenhagen. Auf der Insel flammen immer wieder Debatten auf über eine vollständige Unabhängigkeit. Zuletzt war Grönland wegen des neuen strategischen Ringens um die Arktis stärker ins Blickfeld geraten: US-Präsident Donald Trump hatte im vergangenen Jahr gar versucht, Dänemark die Insel abzukaufen.

In Nuuk kündigte die zuständige Bürgermeisterin Charlotte Ludvigsen nun an, den Bürgern das letzte Wort über die Statue erteilen zu wollen: In den nächsten zwei Monaten sollen sie darüber entscheiden, was mit Hans Egede geschieht. Sie sprach von einer "wichtigen Debatte", die aber auch zeige, "wie sich unsere Gesellschaft seit Errichtung der Statue vor 98 Jahren verbessert hat".

© SZ vom 26.06.2020

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