Corona:Dänemark schafft Corona-Beschränkungen ab

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Corona: In Dänemark wird viel getestet und viel geimpft. Ab dem 1. Februar fallen alle Corona-Beschränkungen.

In Dänemark wird viel getestet und viel geimpft. Ab dem 1. Februar fallen alle Corona-Beschränkungen.

(Foto: Philip Davali via www.imago-images.de/imago images/Ritzau Scanpix)

Trotz einer Inzidenz von mehr als 4000 plant die Regierung, wieder zu öffnen. Sie argumentiert mit hohen Impfzahlen und sinkenden Krankenhauseinweisungen. Kritiker halten den Schritt für verfrüht.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Dänemark wagt den Schritt mal wieder vor allen anderen: Die Regierung in Kopenhagen wird trotz steigender Infektionszahlen vom 1. Februar an alle Corona-Beschränkungen aufheben, wie die Maskenpflicht, die Schließung von Nachtclubs und Casinos und Versammlungsverbote für Gruppen mit mehr als 500 Menschen. Zudem soll die Covid-19-Pandemie nicht länger als eine "gesellschaftsbedrohende" Krankheit eingestuft werden. Test- und Quarantäneregeln für Reisende bei der Einreise ins Land sollen vorerst noch bestehen bleiben.

Diese Schritte hatte am Dienstag zunächst die Pandemiekommission vorgeschlagen, die die Regierung berät. Am Mittwochabend dann kündigte Ministerpräsidentin Mette Fredriksen an, dass die Dänen ab kommenden Dienstag an den meisten Orten keine Masken mehr tragen oder Impfnachweise zeigen müssen. Fredriksen bezeichnete den Schritt als Meilenstein. "Wir sagen Auf Wiedersehen zu Einschränkungen und Hallo zu dem Leben, das wir vor Corona kannten", sagte die Regierungschefin. Die hohe Impfbereitschaft habe sich als "Superwaffe" herausgestellt, so Frederiksen weiter.

Es ist schon das zweite Mal in der Pandemie, dass Kopenhagen diesen Schritt wagt - und anders als beim ersten Mal im letzten September kommt er diesmal zu einer Zeit, da die Neuinfektionen mit dem Coronavirus Tag für Tag neue Höhen erreichen. Am Mittwoch wurden mehr als 46 000 Infektionen gemeldet in dem Land mit 5,8 Millionen Einwohnern, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei mehr als 4000, eine der höchsten in Europa. Allerdings findet in Dänemark verglichen mit anderen europäischen Ländern auch ein Vielfaches an Tests statt.

Auf den ersten Blick erscheine der Entschluss zur Öffnung der Gesellschaft also "absurd", schrieb die Zeitung Politiken: "Paradoxerweise aber sind gerade die himmelhohen Infektionszahlen der letzten Wochen einer der Gründe für die klare Empfehlung der Pandemiekommission." Die Gesundheitsbehörden schätzen, dass sich schon mehr als eine Million Dänen mit der Omikron-Variante infiziert haben, gemeinsam mit den hohen Impfzahlen rechnet man damit, dass das Land bald die Herdenimmunität erreicht.

Kommission setzt auf individuelle Verantwortung

In Dänemark haben mehr als 80 Prozent der Gesamtbevölkerung die zweite Impfung erhalten, das sind sieben Prozentpunkte mehr als in Deutschland. 97 Prozent der Pflegeheimbewohner haben die Booster-Impfung. Gleichzeitig melden die Behörden angesichts der milderen Verläufe von Omikron-Infektionen eine "Entkoppelung" von Infektionsgeschehen und Krankenhauseinweisungen: Tatsächlich ist die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen gesunken, und auch die Zahl der generellen Einweisungen blieb überschaubar. Auch wenn das angesichts der Vielzahl an Neuinfektionen keineswegs so bleiben dürfte, sehen die Ratgeber der Regierung keinen Anlass mehr für die Einstufung von Covid-19 als "gesellschaftsbedrohliche" Pandemie, die es der Regierung erlaubt hat, beispielsweise Clubs und Discos zu schließen. Sie soll vielmehr herabgestuft werden zu einer "generell gefährlichen" Krankheit.

Tatsächlich sei die Gefahr noch nicht vorüber, so die Botschaft der Pandemiekommission, allerdings hält sie es für ausreichend, wenn Dänemark an die Stelle staatlicher Restriktionen nun auf Empfehlungen und individuelle Verantwortung setzt. Vor Redaktionsschluss am Mittwoch sah es so aus, als stelle sich eine große parlamentarische Mehrheit hinter den Plan der Kommission und der Regierung.

Gleichzeitig meldeten sich auch Kritiker zu Wort. Der Epidemiologe Viggo Andreasen warnte in der Zeitung Jyllands-Posten vor einer allzu sprunghaften Zunahme der Krankenhauseinweisungen in den nächsten Wochen: Das Risiko einer Überlastung sei real. Das rief auch Pflegekräfte und Erzieher auf den Plan. Man vergesse offenbar "dass wir immer noch um Hilfe schreien, weil wir kurz vor dem Ertrinken stehen", sagte Elisa Rimpler von der Erziehergewerkschaft Bupl. Und die Zeitung Information zitierte eine Pflegerin, die vom aktuellen Stress und Personalmangel berichtet: "Es fehlt nicht mehr viel und das ganze Kartenhaus bricht zusammen." Anfang der Woche erst hatte Dänemark auch seine Quarantäneregeln gelockert, um dem drohenden Personalausfall entgegenzuwirken.

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