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Dänemark:Begeistert bis traurig

An der Abschottung des nördlichen Nachbarn scheiden sich die Geister. Von Montagfrüh an geht aber auch auf der deutschen Seite die Grenze zu. Dabei wollten Menschen hüben wie drüben ihre Gemeinschaft feiern.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen hat sich mit ihrem vergleichsweise schnellen und entschlossenen Auftritt zur Corona-Krise vergangene Woche im eigenen Land einen gewaltigen Popularitätsschub eingeholt. Die Presse betitelte sie als "Landesmutter" oder "Oberbefehlshaberin", selbst die bürgerliche Opposition zollte ihr Beifall. Frederiksen hatte schon einige Tage vor den deutschen Bundesländern strikte Maßnahmen wie die Schließung von Schulen und Universitäten verkündet.

Gegen Ende letzter Woche kündigte sie dann besonders drastischste Schritte an: die Schließung der dänischen Grenzen zu Schweden und Deutschland von Samstagmittag an. Das sorgte dann doch für Debatten - vor allem, nachdem der Leiter des nationalen Gesundheitsamtes, Søren Brostrøm, erklärte, die Entscheidung sei eine rein politische gewesen. Es gebe "keinerlei wissenschaftliche Belege" dafür, dass eine Grenzschließung aus epidemiologischer Sicht notwendig sei, so Brostrøm . Eine Einschätzung, der sich andere Wissenschaftler anschlossen. Vertreter der dänischen Wirtschaft äußerten Unverständnis. Am Sonntag versuchte die Regierung, die Ängste der Unternehmer mit einem Finanzpaket zu beruhigen, das unter anderem bei gefährdeten Betrieben die Übernahme eines Teils der Lohnzahlungen durch den Staat vorsieht.

Auch in den Nachbarländern erhoben sich kritische Stimmen. Der schwedische Epidemiologe Anders Tegnell sagte, solche Grenzschließungen hätten sich "historisch als völlig nutzlos" erwiesen. Im deutsch-dänischen Grenzland, wo die deutsche Seite offenbar nicht vorab informiert worden war, wurde der Beschluss erregt debattiert. "Unfassbar traurig" mache sie die Maßnahme, schrieb Flensburgs Bürgermeisterin Simone Lange auf Facebook. "Ich habe so lange gehofft, in einem Europa zu leben, das die Kraft hat, gemeinsam zu denken und gemeinsam zu handeln." Am Sonntagnachmittag folgte dann der Berliner Beschluss, auch von deutscher Seite die Grenze zu schließen. Besonderes heikel: Am 14. März war der 100. Jahrestag der Volksabstimmung vom 1920, bei dem sich die Südschleswiger für den Verbleib bei Deutschland entschieden. Längst hat sich die Region zum Modell nachbarschaftlichen Zusammenlebens entwickelt, das in diesen Tagen und Monaten mit vielen Veranstaltungen gefeiert werden sollte. Daran ist vorerst nicht zu denken, erste Feierlichkeiten wurden schon am Wochenende abgesagt.

© SZ vom 16.03.2020

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