CSU-Klausur in Seeon:"Ich möchte doch als Bürger nicht von Horden in der Fußgängerzone angefallen werden"

Lesezeit: 5 min

Alle hätten im vergangenen Jahr dazugelernt, sagte Seehofer. Man habe bei der inneren Sicherheit und der Ausländerpolitik sicherlich andere Vorstellungen, deshalb müsste man keinen "Großkonflikt auslösen". Früher, da hätten die CSU-Oberen einen Vorfall wie in Amberg dazu verwendet, um mit einer verbalen Law-and-Order-Kanonade zu punkten. Und heute, tatsächlich: besonnenes Reagieren? Ja, es wirkt so, als ob die Partei Kurs auf die Mitte nimmt.

Mit Blick auf Amberg versichert er zwei hartnäckig fragenden Journalistinnen, dass er keine Anlassgesetzgebung betreibe. Sicher, man würde prüfen, ob die ausgearbeiteten Vorschläge zu schnelleren Abschiebungen durch die im Amberger Fall gewonnenen Erkenntnisse ergänzt werden könnten, das müsse man doch verstehen. Er habe geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, sagt Seehofer und hebt dazu die Hand wie bei seiner Vereidigung. "Ich möchte doch als Bürger nicht von Horden in der Fußgängerzone angefallen werden." Doch sein Ministerium habe an den Verschärfungsvorschlägen schon Monate vorher an dem Projekt gearbeitet. "Ich mach so was doch nicht aus der Hüfte vom Wohnzimmersessel aus", sagt Seehofer und grinst.

Dann will er noch etwas sagen zu Dobrindt, dem Haudrauf, der ihm als Generalsekretär zwei erfolgreiche Wahlkämpfe managte, als Verkehrsminister die "Ausländer-Maut" in den Sand setzte, und - ähnlich wie Söder - suboptimale Sympathiewerte hat. "Ihr wollt doch Typen in der Politik." Seehofer raunzt diesen Satz mit seiner belegten Stimme. "Der Dobrindt ist so einer." Es gäbe noch mehr, gute Leute, auch Frauen. Auch der Jens Spahn sei ein guter Mann.

"Ich möchte ein Plädoyer halten für Gesichter in der Politik." Das seien Persönlichkeiten, die in ihren Bereichen auch gegen Widerstände ihre Vorstellungen entwickeln und beibehalten. "Sonst werden wir von Ministerialräten regiert." Wichtig sei, dass man Persönlichkeiten einbinde, auch wenn sie mal eine interne Wahl verloren hätten, sagt Seehofer, als er nach Friedrich Merz gefragt wird. Ihn habe man ja auch eingebunden, nachdem er Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitz unterlag. Es würden auch Zeiten kommen, in denen man "Gesellschafts- und Sozialreformen machen muss", sagt der Innenminister. Reformen, "für die ich früher aufgehängt worden bin als Strohpuppe, verbrannt und in den Rhein geworfen bin", sagt Seehofer, "und ich leb immer noch". Der Seehofer, der immer wieder kommt, der zu Unrecht Totgesagte, der unkaputtbare Horst - dieses Eigenbild gefällt dem CSU-Chef, er lacht, Steh-Pressekonferenz beendet.

"Der Herr sei mit euch", sagt der Bundesinnenminister, dann dreht er sich um und verschwindet in der klirrenden Kälte.

Zur SZ-Startseite

Migrationspolitik
:Wer nach den Angriffen in Amberg nach der Deutungshoheit greift

Im Internet fordern Rechte zur Selbstjustiz auf, die CSU will sich gegen eine Instrumentalisierung durch rechte Gruppen wenden. Flüchtlingshelfer werfen ihr genau das vor.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB