CSU:Was wäre, wenn

Bundestagswahl - 'Berliner Runde' beim ZDF

CSU-Parteichef Markus Söder sitzt in der "Berliner Runde" der Parteichefs zur Bundestagswahl.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die Christsozialen in Bayern haben das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren. Ob einem Kanzlerkandidaten Markus Söder dieses Schicksal erspart geblieben wäre?

Von Johann Osel

Natürlich denken sie in der CSU nach dieser Wahl an das "Was wäre, wenn". Wenn sich im Frühjahr Parteichef Markus Söder als Kanzlerkandidat der Union durchgesetzt hätte, und nicht Armin Laschet. Müßig ist es, über Söders bundesweiten Erfolg zu spekulieren, so unberechenbar wie Wahlkämpfe heutzutage sind. Was feststeht: Ein Kanzlerkandidat Söder hätte zumindest seiner CSU in Bayern ein wuchtiges Ergebnis beschert, durch den Landesvater-Bonus. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber hatte 2002 in der Heimat fast 60 Prozent geholt. Kein Wunder, dass andere Parteien in Bayern die Kür der Union im Frühjahr penibel verfolgt hatten, inklusive Nervenflattern. Bei einem Kanzlerkandidaten Söder, hörte man damals etwa in der FDP, könne man sich für das Bundesland "das Plakatieren gleich sparen".

Es ist anders gekommen: Die CSU, einst Partei absoluter Mehrheiten, verbucht mit 31,7 Prozent der Zweitstimmen ein Minus von rund sieben Prozentpunkten im Vergleich zur Bundestagswahl 2017. Das ist ein Debakel, das schlechteste Ergebnis seit 70 Jahren. Und doch ist die CSU irgendwie glimpflich davon gekommen, aus drei Gründen: Erstens steht immerhin eine Drei vor dem Ergebnis, was in Zeiten erodierender Volksparteien als Besonderheit gilt; zuletzt war in Umfragen von nur 28 Prozent die Rede - das Ergebnis lässt sich also als Trendwende auf den letzten Metern verkaufen. Zweitens gelang es der CSU knapp, bundesweit die Fünf-Prozent-Hürde zu überschreiten. Das hat symbolischen Wert, alles unter fünf Prozent hätte das Selbstverständnis nahezu kaputtgekratzt. Und drittens konnten sich die Christsozialen trotz massiver Einbußen in Wahlkreisen alle Direktmandate sichern - außer jenem in München-Süd, den sich die Grüne Jamila Schäfer erkämpfte.

Die Stimmenkönigin liegt bei 47,8 Prozent - das war früher mal medioker

Doch die Zustimmung zur CSU im Freistaat bröckelt, die Dimension lässt sich mit ein paar Vergleichen erahnen: Stimmenkönigin ist die Abgeordnete Emmi Zeulner in Kulmbach mit 47,8 Prozent der Erststimmen - solche Werte galten früher als medioker. Manche CSU-Abgeordnete haben sich mit riesigen Verlusten zum Mandat gerettet. Der frühere Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer kam in Traunstein auf 36,6 Prozent Erststimmen; 2017 waren es noch 50,3 Prozent. Klassisch tiefschwarze, ländliche Regionen haben ihre direkten Abgeordneten zwar bestätigt, ihnen aber deutliche Dämpfer verpasst.

Die Gründe dafür? Ein Laschet-Malus ist kaum von der Hand zu weisen. Noch wird sich zeigen, wie sehr die CSU darauf abhebt. Jedenfalls hatten vier von zehn Bayern in Umfragen angegeben, im Falle einer Direktwahl des Kanzlers für Olaf Scholz (SPD) zu stimmen; Laschet lag klar dahinter. Allerdings ist die CSU am Image des Unionskandidaten nicht unbeteiligt, der Machtkampf mit Söder dürfte auch Bürgerinnen und Bürgern in Bayern missfallen haben. Lange hatte auch die wahlkämpfende CSU-Basis mit dem Rheinländer gehadert, Söder "wäre die bessere Lokomotive gewesen", lautete das Lamento. Generalsekretär Markus Blume hatte zwar alle zum Laschet-Plakatieren aufgefordert, "da lassen wir uns nichts nachsagen". Tatsächlich aber gab es nicht wenige Regionen, wo der Kandidat wenig zu sehen war oder Wahlkämpfer vermeldeten, sie würden "den Armin" am liebsten wieder abreißen. Erst mit dem CSU-Parteitag in Nürnberg und dem Wahlkampfendspurt mit gemeinsamen Veranstaltungen hat sich die CSU richtig für den gemeinsamen Kandidaten ins Zeug gelegt.

Daneben setzte Söders Partei auf zwei Argumente: Die Zweitstimme für die CSU wurde als "Bayern-Stimme" deklariert. Anders als etwa FDP und Freie Wähler könnten nur die Christsozialen in Berlin etwas für die Heimat ausrichten, hieß es. Zum anderen legte gerade die CSU, mehr noch als die CDU, eine deftige "Rote-Socken-Kampagne" auf, warnte vor einem Linksrutsch unter Olaf Scholz oder auch vor einer "verdünnten Linkssuppe" (Söder) in Form einer Ampel. Ein detaillierter, mehrseitiger Wahlaufruf des CSU-Vorstands skizzierte, dass es bei einem "Linksrutsch" jedem einzelnen Bayern arg ans Einkommen, an die Substanz und an die Lebensgewohnheiten gehe.

Jede Menge hausgemachter Probleme

Zur Ursachenanalyse gehören auch die hausgemachten Probleme: So hat sich Söder früh auf die Grünen als Gegner fokussiert und ließ seine CSU thematisch ergrünen. Dabei geriet die SPD aus dem Visier, die am Ende in Bayern auf Platz zwei landete (18 Prozent, die Grünen 14,1). Möglicherweise hat die CSU mit ihrem pragmatischen Zugriff auf progressive Themen auch Teile der eigenen Wählerschaft überfordert und Stammklientel verprellt. In Ostbayern, aber nicht nur dort, schnitten die Freien Wähler gut ab, auch die AfD hat sich mit neun Prozent bayernweit halbwegs stabilisiert. Dazu kommt all die Unbill durch die Maskenaffären rund um CSU-Politiker und die Tatsache, dass bisherige Bundesminister wie Andreas Scheuer nicht im Verdacht stehen, die beliebtesten Zugpferde zu sein.

Unmittelbar nach der Bundestagswahl beginnt für die CSU der Countdown zur Landtagswahl. Die "Mutter aller Schlachten" (Horst Seehofer) findet voraussichtlich im Herbst 2023 statt. Hier geht es um das Fundament, nicht nur ums Mitregieren einer Regionalpartei in Berlin. Nachdem in den vergangenen Wochen die Schuld schon präventiv in Richtung Laschet gerückt wurde, ist die Verantwortung für die Bayern-Wahl klar: Dann habe man es "wieder selbst in der Hand".

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