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CSU:Bayern sucht noch immer 46 Infizierte

Der Staatsregierung gelingt es nicht, die Datenpanne bei den Corona-Tests für Rückkehrer zu beheben. Wegen der Reisewarnung für Spanien wird die Nachfrage nach Tests zudem weiter steigen.

Von K. Auer, S. Braun, K. Ludwig und S. Schoepp, Berlin/München

46 mit dem Coronavirus infizierte Menschen sind nach der Testpanne in Bayern immer noch nicht identifiziert worden. Es "liegen keine passenden Personendaten vor", teilte das bayerische Gesundheitsministerium am Sonntag mit. 903 von insgesamt 949 positiv Getesteten seien inzwischen ermittelt worden.

Die Staatsregierung war unter Druck geraten, als am vergangenen Mittwoch bekannt geworden war, dass 44 000 Urlaubsheimkehrer, die an mobilen Stationen auf das Coronavirus getestet worden waren, spät oder gar nicht das Ergebnis erfahren hatten, darunter mindestens 900 Infizierte. Sie hätten also Tausende anstecken können, ohne es zu merken und davon zu wissen. Die Panne war ein Rückschlag für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der sich in der Krise gerne als besonders entschlussfreudig und umsichtig gibt. Bayerische Oppositionspolitiker forderten deshalb den Rücktritt von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). An ihr hält Söder fest, er kündigte aber eine rasche Aufklärung der Panne an.

Dennoch musste die bayerische Staatsregierung mehrere selbstgesetzte Fristen verschieben. Ursprünglich sollten alle Betroffenen bis zum Donnerstagmittag informiert werden. Das gelang nicht, nun wisse "ein Großteil" der positiv Getesteten Bescheid, hieß es aus dem Ministerium. Über ihr Testergebnis sollen auch jene Reiserückkehrer informiert werden, die nicht mit dem Virus infiziert sind. An den Teststationen funktioniere das Verfahren inzwischen, meldete das Ministerium. Anfangs mussten die Helfer die Daten manuell erfassen, nun gibt es eine Software.

Dabei dürfte sich die Zahl der Menschen, die einen Corona-Test brauchen, weiter erhöhen. Nachdem die Bundesregierung am Freitagabend fast ganz Spanien zum Risikogebiet erklärt hat, haben sich am Wochenende an den Flughäfen in Hamburg, Hannover und Stuttgart lange Schlangen von Spanien-Rückkehrern gebildet, die sich testen lassen wollten. In Stuttgart hieß es, der Andrang am Corona-Testzentrum des Flughafens habe sich am Samstag und Sonntag verdoppelt: Waren es sonst etwa 1000 Menschen täglich, die sich testen ließen, seien nun jeweils 2000 gekommen. Mit Ausnahme der Kanarischen Inseln gilt jetzt ganz Spanien als riskant, also auch Mallorca und die übrigen Balearen-Inseln.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte, es handele sich dennoch nicht um ein "Reiseverbot". Spanien-Reisende seien aufgerufen, "wachsam" zu sein. Forderungen, die Urlauber selbst für ihren Corona-Test zur Kasse zu bitten, lehnte Spahn weiterhin ab.

Aus dem Auswärtigen Amt war am Sonntag zu hören, dass Spaniens Regierung angesichts der existenziellen Bedeutung des Tourismus im Vorfeld der Reisewarnung auf verschiedenen Kanälen versucht hatte, eine Entscheidung über das ganze Land hinweg zu verhindern. Madrid habe darauf gedrungen, regionale Differenzierungen vorzunehmen. Am Ende aber hätten sich die Infektionszahlen überall in Spanien eindeutig so schlecht entwickelt, dass das Auswärtige Amt dafür keine Möglichkeit sah. Das habe Spanien am Ende eingesehen, hieß es in Berlin.

Die Warnung aus Deutschland trifft Spaniens Tourismusindustrie hart. Nun gilt auch in Mallorca die Saison als beendet - wie vorher bereits an der Costa Brava, in Barcelona und anderen Teilen des Festlandes. Die Nachricht aus Deutschland habe wie eine Bombe eingeschlagen, kommentierte die Zeitung La Vanguardia aus Barcelona.

Die spanische Politik reagierte zurückhaltend, obwohl die deutsche Reisewarnung die Wirtschaft des Landes weiter in den Abgrund reißen wird. Auf Mallorca sind 35 Prozent aller Arbeitsplätze vom Tourismus abhängig, landesweit sind es bis zu fünf Millionen. Der Tourismusminister der Balearen, Iago Negueruela, sagte, man habe alles getan, um Hygieneregeln einzuführen. Das bestätigten deutsche Urlauber am Wochenende der Nachrichtenagentur dpa, man habe sich auf Mallorca "nicht unsicherer gefühlt als zu Hause".

Die Zahl der Ansteckungen hat sich in Spanien seit Ende des Lockdowns im Mai vervielfacht. Gemittelt wurden über die vergangene Woche hinweg 4064 Neuansteckungen verzeichnet. Spanien zählt mit insgesamt bisher mehr als 342 000 Infizierten die höchste Zahl in Westeuropa. Dabei hatte die Regierung von Anfang an hart durchgegriffen und die Menschen im März und April sieben Wochen lang in einen Lockdown geschickt, den Ministerpräsident Pedro Sánchez den "strengsten Europas" nannte. Auch die "neue Normalität" ist strenger als anderswo, es gilt praktisch überall Maskenpflicht außer in den eigenen vier Wänden.

Es gilt auch weniger der Tourismus als Auslöser als die Bedingungen in Behausungen von Landarbeitern sowie das Nachtleben, das zu schnell wieder hochgefahren wurde, sowie die mediterrane Lebensart allgemein. Außerdem kommt Spanien mit der Nachverfolgung der Ansteckungswege nicht hinterher. Der oberste Seuchenkoordinator Fernando Simón wies darauf hin, dass anders als am Anfang meist junge Leute betroffen seien. Vor dem Rat zu einem neuen totalen Lockdown schreckt er aber zurück, ebenso wie die Regierung Sánchez, die dafür auch nur mehr schwer eine Mehrheit im Parlament bekommen würde.

© SZ vom 17.08.2020

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