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CSU: Autor Schlötterer:Bei Strauß kann niemand neutral bleiben

Die CSU fehlt an diesem Abend im Literaturhaus: Es gibt keine Widerrede. Niemand verteidigt Strauß, den bayerischen Säulenheiligen. Das hat - subtil - sein langjähriger Journalistenkumpan Wilfried Scharnagl getan, als er vor Tagen die Verdienste des Politikers um Deutschland lobte. Der Ex- Bayernkurier-Chefredakteur hat seine positiven Erinnerungen im Buch "Mein Strauß" verarbeitet.

Jetzt aber, im Moment der publizistischen Anklage durch einen einstigen Beamten, fehlt ein Verteidiger des ehemaligen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs. Der profilierte Journalist Stiller kann diesen Part nicht leisten - wie soll er auch? Schließlich war er es, der vor Jahrzehnten viele der Vorwürfe Schlötterers erst öffentlich gemacht hat, der verschiedene CSU-Affären über Jahre hinweg aufgedeckt und kritisch begleitet hat. "Ich gebe zu, ich bin nicht neutral", sagt er: "Ich sympathisiere mit Herrn Schlötterer."

Wenn es um Strauß geht, um Franz Josef den Starken, um seine Skandale und seinen Machtmissbrauch, gibt es selbst im Jahr 2009 niemanden, der neutral bleiben kann. Für die einen war er stets vergöttertes Vorbild, für die anderen ein untragbar korrupter Machtpolitiker. Zwischen diesen Fronten ist erst recht seit der Spiegel-Affäre 1962 kein Platz. Und schon zuvor gab es viele brisante Geschichten.

Abrechnungen eines Enttäuschten

Schlötterer gehört zur zweiten Gruppe, zu den Anti-Strauß-Kämpfern. So spannend und genau dokumentiert das Buch ist: Es sind eben nicht nur die "Aufzeichnungen eines Ministerialbeamten", wie es im Untertitel heißt, sondern auch Anklagen und Abrechnungen eines Enttäuschten. Auch wenn Schlötterer beteuert, in seinem Werk auf Wertungen bewusst verzichtet und nur beweisbare Fakten präsentiert zu haben, haftet den Beschreibungen hie und da das "Pathos des unerbitterlichen Rechtswahrers" an, wie Stiller vorsichtig sagt. Schlötterer präsentiert sich als unbestechlicher Beamter, der aufsteht, wenn er eine Ungerechtigkeit ortet und bis zuletzt für seine Sache kämpft.

Auch auf dem Podium strahlt er das aus: Der 70-Jährige spricht gewählt, er weiß genau, wo er kleine Scherze anbringt, wo er des Effektes wegen von der Lakonie in den Zynismus abgleiten kann und wo er sachlich mit Beweisen argumentieren muss, mit Aktenvermerken und Zeugenschilderungen. Das Publikum reißt er von Anfang an mit. Die meisten der etwa 250 Zuhörer haben den Politiker Strauß selbst noch in verschiedenen Funktionen erlebt. Manche schütteln immer wieder den Kopf, blasen verächtlich Luft aus, lachen leise.

"Wir sind noch immer nicht in der Republik angekommen", sagt eine Zuhörerin. Ein anderer möchte wissen, ob denn nicht wenigstens dieses Buch nun endlich strafrechtliche Konsequenzen für die Protagonisten haben müsste: "Wir leben schließlich in einer Demokratie, oder?" Und als der Verlagschef erzält, nach einigen Vorgesprächen mit dem Autor sei es für sein Unternehmen "ganz klar gewesen: Dieses Buch müssen wir machen", bekommt er langen Beifall, als ob er ein mutiger Samistad-Verleger wäre, der in einer autoritären Diktatur Untergrundliteratur vertreibt.

Der Mythos verschwindet - für einen Abend

Einen einzigen kritischen Einwand gibt es dann doch. "Warum erst jetzt?", fragt ein Gast, der offenbar mit Schlötterer gut bekannt ist. "Jetzt, wo sogar Stoiber weg ist, kommst du damit an die Öffentlichkeit. Das ist reichlich spät. Gerade die Jugend hätte sich das früher erwartet." Schlötterer hat mit dieser Frage gerechnet: Es war der Ekel, der ihn jahrelang begleitet hat, sagt er.

Als er das Finanzministerium sechs Jahre vor seiner Pensionierung endgültig verlassen hatte, habe er zunächst einmal nichts mehr von der ganzen Geschichte hören wollen: "Ich war ihr überdrüssig." Erst viel später sei in ihm wieder der Drang gewachsen, darüber zu sprechen und zu schreiben. "Weil ich gemerkt habe, dass es zum Teil genau so weitergeht wie damals." Applaus.

Schlötterers Buch wird den Mythos Strauß nicht brechen - daran sind andere vor ihm gescheitert. Zumindest für die Dauer dieses Abends im Münchner Literaturhaus hat er es aber geschafft. Eine Frau im Publikum bringt das auf den Punkt. "Man muss sich vorstellen", sagt sie, "heute haben wir sogar einen Franz-Josef-Strauß-Flughafen."

Das sitzt. Schlötterer lässt die Bemerkung unkommentiert.