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Cricket:Flüchtlinge sorgen für Cricket-Boom in Deutschland

Die Cricketmannschaft des MSV Bautzen beim Training.

(Foto: Josef Jung)

Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat Cricket gespielt und gründen nun in Deutschland neue Mannschaften. Das kann auch den Einheimischen nützen.

Der oberste deutsche Cricketspieler ist ein Brite. Wer sonst sollte die Fahne jener urenglischen Sportart in einem Land hochhalten, in dem eine andere urenglische Sportart, der Fußball, unangefochten regiert? Als Brian Mantle vor fünf Jahren Geschäftsführer des Deutschen Cricket Bundes wurde, war er Chef einer exotischen Nische. Gerade einmal 1500 Menschen spielten in Deutschland Cricket. Doch dann öffnete Angela Merkel die Grenzen.

Mittlerweile klingelt bei Mantle täglich das Telefon. Gestern ein Anruf aus Gütersloh, heute aus Osnabrück, alle wollen eine Cricketmannschaft gründen, wollen mit einem Schläger einen Ball weit von sich schlagen. Die Regeln sind kompliziert, vereinfacht lässt sich sagen: Je länger der Gegner braucht, ihn zurückzuwerfen, desto mehr Punkte können errannt werden. Vor einem Jahr gab es in Deutschland 70 Vereine. Heute sind es 104. Um die 5000 Spieler sind gemeldet. "Ich kann das irgendwie nicht glauben", sagt Mantle.

Um zu verstehen, was passiert ist, muss man mit Irshad Ahmad sprechen. Der Pakistaner kam vor acht Monaten nach Bautzen, in jene sächsische Stadt, in der Schaulustige beim Anblick einer brennenden Flüchtlingsunterkunft applaudierten. "Es liegt in meinem Blut", sagt Ahmad über das Spiel, und er wollte deshalb schnell eine eigene Mannschaft gründen. In Pakistan und Afghanistan ist Cricket Volkssport, sogar die Taliban erlauben es.

Genügend potenzielle Spieler leben in den Flüchtlingsheimen rund um Bautzen. Auf viel Gegenliebe sei die Idee zunächst aber weder bei der Bevölkerung noch bei der Stadt gestoßen. Ahmads Team war gezwungen, auf der Straße zu trainieren, mit einem geliehenen Schläger und drei Bällen. Trotzdem gewannen sie Ende April ein Turnier in Dresden. Plötzlich waren die Türen nicht mehr ganz so fest verschlossen. Heute ist Ahmad Spielertrainer der von ihm gegründeten Cricketmannschaft beim MSV Bautzen, 50 Mann ist sie stark.

Cricket gegen Nationalismus

In dem Team spielen trotz religiöser und politischer Konflikte Inder, Pakistaner und Afghanen zusammen. Das zeige, dass man Vorurteile überwinden könne. Auch in Bautzen. Ahmad erzählt von Flüchtlingen, die sich nach rechten Angriffen nicht mehr aus dem Heim getraut hätten. Jetzt trainieren sie bei ihm. "Cricket kann eine positive Rolle in der deutschen Gesellschaft spielen." Er hofft, dass Deutsche aus Bautzen auch bald mitspielen. Die zieren sich bisher, vielleicht auch, weil ein Spiel mit Teepausen bis zu fünf Tage dauern kann.

Dass Deutschland dank der neuen Einwanderer bald näher an die internationale Spitze rückt, davon träumt der Deutsche Cricket Bund. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. In der indischen Premier League werden Millionengehälter bezahlt, in Deutschland gibt es nicht einen Profi. Die Nationalmannschaft darf bei großen Turnieren nicht mitspielen, aber: "In naher Zukunft können wir es unter die Top 20 schaffen", sagt Brian Mantle. Schon heute besteht die deutsche U-19 vor allem aus Einwanderern. "Wenn es um Cricket geht, sind wir Deutsche", sagt der Brite.

Dass Cricket den Deutschen mehr Weltoffenheit beibringt, hat Tradition. Weil Deutschlands erster Fußballverband keine Ausländer aufnehmen wollte, wurde 1891 der "Deutsche Fußball- und Cricket Bund" gegründet. Der Gentleman-Sport Cricket galt einst als Gegenbewegung zum wilhelminischen Nationalismus. Am Ende hat das Spiel die beiden Weltkriege natürlich nicht aufhalten können. Dafür startet Cricket jetzt einen neuen Versuch zur Völkerverständigung.