Credit Suisse und Steuerhinterzieher Kultur des Versteckens

"Umfassende Lösungen" - auch für Steuerhinterzieher: Interne Dokumente zeigen, wie die Großbank Credit Suisse ihre unehrlichen deutschen Kunden umsorgt.

Von Nicolas Richter

Das Bolschoi Theater in Moskau, die Salzburger Festspiele, das New York Philharmonic - sie liegen dem Schweizer Geldhaus Credit Suisse am Herzen, und natürlich auch Ereignisse wie das Treffen der Reitsportelite in Genf. All dies fördert die Großbank am Paradeplatz in Zürich, denn das zur Schau gestellte Selbstverständnis dieser Branche ist seine Weltgewandtheit, Kultiviertheit, Großzügigkeit. Diese Ansprüche gelten denn auch im eigentlichen Geschäft mit dem Geld: Das Institut verspricht seinen Kunden "umfassende Lösungen" und setzt sich kein geringeres Ziel als dieses: "Wir wollen die weltweit angesehenste Bank werden."

Eine interne Credit-Suisse-Präsentation lässt vermuten, dass 88 Prozent der Deutschen, die in den Schweizer Filialen ihr Geld anlegen, Steuerhinterzieher sind.

(Foto: Foto: dpa)

In Deutschland könnte das nun schwierig werden, denn die Steuerbehörden kaufen eine Datensammlung über mutmaßliche Steuerhinterzieher, offenbar sind sie alle Kunden von Credit Suisse. Gleichzeitig verraten interne Dokumente der Bank, wie gern der Konzern seine Dienste jenen Vermögenden anbot, die die deutschen Finanzämter ein bisschen zu vereinnahmend fanden.

Pflegeleichte Kundschaft

In einer Präsentation vom 4. Mai 2004 beschreibt Credit Suisse seine deutsche Kundschaft sehr genau. So genau, dass die Geschäftsstrategie als Beihilfe zur Steuerhinterziehung betrachtet werden könnte. Es waren angenehme Kunden, die da jahrzehntelang aus Deutschland kamen. Der Kontakt zur Bank sei wegen der Gefahr, entdeckt zu werden, vom Kunden nur selten erwünscht.

Anders als kleine Kontoinhaber, die oft am Schalter stehen, war die deutsche Credit-Suisse-Kundschaft also überaus pflegeleicht. Der beste Kontakt war gar kein Kontakt. Je weniger Austausch, desto weniger Spuren. Mehrere Whistleblower haben beschrieben, wie diese Nicht-Berührung choreografiert war.

Heinrich Kieber, der Liechtensteiner, der deutsche Kundendaten aus der Bank LGT Treuhand an den Bundesnachrichtendienst verkaufte, er hat es einmal geschildert: Weil selbst Telefonate Beweiskraft haben könnten, habe die Fürstenbank LGT diese Weisung ausgegeben: "Vorsicht! Anrufe können nur von öffentlichen Telefonzellen gemacht werden, bevorzugt nicht aus Liechtenstein". Demnach hätten sich die LGT-Berater wohl morgens eine Rolle Münzen am Schalter geholt und wären damit über die Grenze gefahren zum Telefonieren.

Ähnlich skurril waren die Erlebnisse Bradley Birkenfelds, der für die Schweizer Großbank UBS amerikanische Kunden betreute. Die ließen sich Kontoauszüge nie nach Hause schicken, sondern erschienen einmal im Jahr in der Bank, um ihre Zinseinkünfte zu studieren. "Dann", berichtete Birkenfeld, "sagten sie, okay, alles ist in Ordnung. Daraufhin gingen wir in den großen Schredder-Raum und vernichteten alles".

Für Credit Suisse war die deutsche Kundschaft den internen Dokumenten zufolge auch deswegen angenehm, weil das Geldhaus nicht viel dafür tun musste, sie zu werben: "Akquisitionsbemühungen zurückhaltend, eher passiv - teilweise auch gar nicht nötig (Kunden kommen von alleine)."

Die interne Credit-Suisse-Präsentation aus dem Jahr 2004 lässt vermuten, dass 88 Prozent der Deutschen, die in den Schweizer Filialen ihr Geld anlegen, Steuerhinterzieher sind. Die Bank erklärte auf Anfrage, sie kenne die Steuersituation ihrer Kunden nicht. Aber die Aussagen Kiebers und Birkenfelds - wenn auch aus anderen Banken stammend - zeigen doch, wie die Verschleierungsindustrie funktioniert: Sie hilft ausländischen Kunden ja gerade dabei, niemals aufzufallen.

Die Unterlagen der Credit Suisse legen nahe, dass sich das Geschäftsmodell im Jahr 2004 verfeinern sollte. Geplant war der Einstieg in das Geschäft mit steuerehrlichen Kunden. Der Begriff "Einstieg" ist freilich verräterisch, legt er doch den Schluss nahe, dass man sich zuvor um ehrliche Kunden nicht bemüht hatte. Auslöser der Neuausrichtung waren offenbar einige neue Entwicklungen am Markt. So nahm die Bank zur Kenntnis, dass Steuerhinterzieher in Deutschland härter verfolgt würden.

Neue Anforderungen an Berater

Dies stellte fortan ganz neue Anforderungen an die Berater. Diskretion spiele im Gegensatz zum Schwarzgeldmarkt eine untergeordnete Rolle, dafür müsse die Qualität der Beratung steigen, weil man sich hier ja "im Wettbewerb mit anderen Banken" befinde. Im Gegensatz zum Steuerhinterzieher, der sich selten blicken lässt, wünsche der ehrliche Kunde "intensive Betreuung und enges Relationship". Für die Berater hieß das: Im Gespräch mit den Vermögenden sollten sie "nicht die steuerlichen Interessen, sondern die Vermögensberatung in den Vordergrund stellen".

Das sollte freilich nicht bedeuten, dass Credit Suisse auf einmal all jene Kunden abstoßen würde, die mutmaßlich Steuern hinterzogen. Vielmehr ergibt sich aus den Unterlagen, dass die Bank die Unehrlichen dazu überreden wollte, zusätzliches Vermögen in transparentere Geldanlagen zu investieren, deren Erträge dann auch versteuert würden. In der Bank vermutete man, dass 100.000 Deutsche ein Vermögen von insgesamt 34 Milliarden Franken in der Schweiz versteckten. Wenn auch nur einige der Kunden zusätzliches Geld in ehrliche Finanzprodukte stecken würden, ergäbe sich ein immenses Potential.

Es blieb nur die Frage, wie man die unehrlichen Altkunden dafür gewinnen sollte. Auch dazu finden sich Vorschläge in der Präsentation. Zum Beispiel sollten die Berater ihren Kunden folgendes sagen: "Wir kennen uns ja schon sehr lange, von dieser guten Basis kann auch ihr offizielles Vermögen profitieren!"