bedeckt München 10°

Coronavirus in den USA:Impfen unterm Blauwal

Corona in den USA: Jill Biden bei einer Corona-Impfung

Beistand von der First Lady: Jill Biden (rechts) tröstet eine Frau, die in Albuquerque ihre Corona-Impfung bekommt.

(Foto: REUTERS)

Oder ein Joint als Geschenk: Wie in den USA, die ohnehin schon weit sind beim Impfen, jetzt die Muffel angelockt werden sollen.

Von Thorsten Denkler, New York

American Museum of Natural History

Modell eines Blauwals im American Museum of Natural History in Manhattan. Auch hier kann man sich jetzt impfen lassen.

(Foto: Thorsten Denkler/SZ)

Wenn sich an diesem Freitag die Tore zum "American Museum of Natural History" an der Upper West Side öffnen, dann werden sich einige Besucher auf den direkten Weg in die "Milstein Hall of Ocean Life" machen, um sich impfen zu lassen. Und zwar unter dem knapp 30 Meter langen Modell eines Blauwals, das dort von der Decke hängt. Von Freitag an ist "Impfen unterm Blauwal" die neueste Attraktion in New York City. Die Stadt muss langsam anfangen, die noch nicht geimpften Teile der Bevölkerung zu überzeugen, sich die Nadel setzen zu lassen.

Die Impfkampagne zeigt Wirkung. Knapp sechs der 8,4 Millionen Einwohner der Stadt sind geimpft. Die Inzidenz sinkt stetig, inzwischen liegt sie bei nur noch 37 täglichen Ansteckungen pro 100 000 Einwohner über sieben Tage. Und das, obwohl auch in New York City hochansteckende neue Virusvarianten grassieren.

So langsam öffnet sich die Stadt wieder, die im März und April 2020 weltweiter Hotspot der Pandemie war. Vor den Krankenhäusern parkten damals Kühlwagen, um die vielen Corona-Leichen wegzubringen. Mit Covid-19 an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu werden, das glich in dem Chaos der ersten Pandemie-Wochen einem Todesurteil. 90 Prozent der beatmeten Corona-Patienten starben.

Das Trauma ist nicht überwunden. Auf der Straße und in den Parks trägt praktisch jeder Maske, der nicht böse Blicke seiner Mitmenschen ernten will. Der Erfolg der Impfkampagne aber lässt die Hoffnung zurückkehren. Restaurants, Kinos, Geschäfte, Museen, alles ist offen; noch bestehende Restriktionen werden nach und nach gelockert.

Seit Montag sind alle ab 16 Jahren impfberechtigt

Die USA haben gemessen an ihrer großen Einwohnerzahl ein beeindruckendes Impftempo vorgelegt. Die Trump-Regierung hatte millionenfach Impfstoffdosen auf Verdacht bestellt, bevor eine Zulassung auch nur in Sicht war. Als Joe Biden Präsident wurde, waren die USA dennoch unterversorgt. Er orderte Hunderte Millionen Dosen nach, weit mehr als in der Bevölkerung gebraucht werden würden. Erst sollten ab Juli, dann ab 1. Mai alle US-Bürger ab 16 Jahren impfberechtigt sein. Tatsächlich war es dann schon am vergangenen Montag so weit.

Etwa 3,2 Millionen Dosen werden in den USA gerade pro Tag verimpft. Mehr als 131 Millionen Menschen haben mindestens eine Dosis bekommen. Für Mitte Juni wird erwartet, dass 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft worden ist. Allerdings ist mancherorts das Virus immer noch schneller. US-weit werden gerade täglich 67 000 Neuinfektionen gemessen. Vor einem Monat waren es zehntausend weniger.

Deshalb bereitet den Verantwortlichen die große Zahl der Impfverweigerer immer größere Kopfschmerzen. Etwa 20 Prozent der US-Bürger wollen sich nach Erhebungen des "KFF Vaccine Monitors" nicht impfen lassen. Oder nur dann, wenn sie gezwungen werden. Weitere 17 Prozent wollen erst mal abwarten, wie sich alles entwickelt.

Es sind vor allem weiße Trump-Anhänger und Teile der schwarzen Bevölkerung, die sich nicht impfen lassen wollen. Die einen, weil sie nicht wollen, dass ihnen das System ihre Freiheit nimmt. Die anderen, weil sie nicht mehr glauben, dass von der Regierung irgendetwas Gutes kommen könnte. Dazu werden in den sozialen Netzwerken die absurdesten Verschwörungsmärchen verbreitet. Manche meiden die Spritze, weil sie sich keine angeblichen Mikrochips implantieren lassen wollen, mit denen sie dann von Bill Gates wahlweise ausspioniert oder ferngesteuert werden könnten.

Impfen im Baseball-Stadion oder auf der Rennstrecke

Auch deshalb sollen spezielle Impf-Orte wie der Blauwal im New Yorker Naturkundemuseum die Impfmuffel anlocken. Oft sind es berühmte Sportclubs, die ihre heiligen Spielstätten zu Impfzentren umrüsten lassen. New Yorker Baseball-Fans werden es sich kaum nehmen lassen, sich ihr Vakzin im ruhmreichen Yankee-Stadion in der Bronx spritzen zu lassen. An der Westküste können Impfwillige einen Blick in das weite Rund des Football-Stadions der San Francisco 49ers genießen, wenn ihnen die Spritze gesetzt wird. Wer eher dem Motorsport verfallen ist, kann sich auf dem berühmten Indianapolis Motor Speedway impfen lassen. Ein Boxenstopp für den schnellen Impf-Shot quasi.

Wen das nicht überzeugt, der überlegt es sich vielleicht, wenn er hört, dass die besten Plätze in der Arena für Geimpfte reserviert werden. Das Profi-Basketballteam der Miami Heat etwa hat zwei Sektionen in den untersten Rängen für geimpfte Fans vorgesehen. Fast alle NBA-Teams wollen jetzt Vorzugsplätze für Geimpfte anbieten.

Sogar Rauschmittel gibt es zur Belohnung. Wenige Wochen nach der Legalisierung von Marihuana in New York drückten Pot-Aktivisten am Dienstag jedem, der einen Impfpass vorzeigen konnte, einen kostenlosen Joint in die Hand.

© SZ/kit
Zur SZ-Startseite
Alltag im US-Bundesstaat Missouri

SZ PlusMeinungUS-Republikaner
:Die Anti-Demokraten

Nach ihrer Wahlniederlage überdenkt Trumps Partei weder Personal noch Programm. Stattdessen flickt sie am Wahlrecht herum. Damit lässt sie erneut die Demokratie für den Ex-Präsidenten im Stich.

Kommentar von Hubert Wetzel

Lesen Sie mehr zum Thema