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Masken im Unterricht:Vorsicht mit der Wunderwaffe

Berlin führt Maskenpflicht an Schulen ein

In NRW gilt eine Maskenpflicht auch im Unterricht (Symbolfoto).

(Foto: dpa)

Die Maske dient als Corona-Schutz - aber nicht um jeden Preis als Schutz vor unliebsamen Entscheidungen. Sie darf nicht zum Alibi verkommen, wenn Eltern oder die Wirtschaft Druck machen, bloß keine Lockerungen zurückzunehmen.

Kommentar von Nico Fried, Berlin

Die Maske hat in Deutschland als Instrument im Kampf gegen Corona eine erstaunliche Karriere gemacht. Noch Anfang April soll die Kanzlerin persönlich in kleiner Runde die einfachen Schutzmasken als "Virenschleudern" bezeichnet haben. Markus Söder berichtete damals nach einer Sitzung der Ministerpräsidenten mit Angela Merkel, man habe ausdrücklich keine Maskenpflicht beschlossen, weil man am "durchschlagenden medizinischen Erfolg" zweifle. Und selbst Gesundheitsminister Jens Spahn war über das Tragen von selbstgenähten Stoffmasken zum Schutz anderer vor Infektionen nur die wenig enthusiastische Bemerkung zu entlocken, das sei "okay".

Vier Monate später gilt die Maske als eine Art Wunderwaffe. In Nordrhein-Westfalen muss sie im neuen Schuljahr, das am Mittwoch begonnen hat, ab der fünften Klasse vorerst auch während des Unterrichts getragen werden. Die meisten Länder verhängen mittlerweile Bußgelder gegen Maskenverweigerer zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr. Mancherorts kommt man billiger weg, wenn man mit 90 Stundenkilometern durch die Innenstadt rast (120 Euro), als wenn man unvermummt Straßenbahn fährt (150 Euro). Und selbst der Bundespräsident sah aufgrund massiver Kritik in den sozialen Medien die Veranlassung, sich für ein Urlaubsfoto zu entschuldigen, auf dem er für einen Moment ohne Maske zu sehen war.

Es ist nicht zu bestreiten: Die korrekt angewendete Maske schützt - das Gegenüber sowieso, aber ein bisschen wohl sogar den Träger selbst. Und richtig ist auch, dass es darüber inzwischen mehr Erkenntnisse gibt als im Frühjahr. So lag zum Beispiel die Infektionsrate in Jena, wo die Maskenpflicht zuerst eingeführt wurde, ausweislich einer Studie unter den Werten in vergleichbaren Städten. Noch vor wenigen Monaten fürchtete die Politik den verantwortungslosen Umgang mit der Maske. Heute gilt als verantwortungslos, wer keine Maske trägt.

Trotzdem sollte man die Erwartungen auch nicht überziehen. Und vor allem darf man nicht so tun, als gälten die Einwände von einst überhaupt nicht mehr. Dazu gehört das Gefühl einer falschen Sicherheit: Es ist doch allenthalben zu beobachten, dass die Maske manche Träger dazu verleitet, andere Vorsorgemaßnahmen zu vernachlässigen. Dazu gehört auch der sorgsame Umgang mit der Mund-Nasen-Bedeckung, den die Kanzlerin, als sie sich der Schutzmaske allmählich öffnete, so zusammenfasste: "regelmäßiges Waschen, nicht zu lange tragen, heiß bügeln oder in den Backofen oder in die Mikrowelle stecken". Und auf all das soll jetzt ein Sechstklässler achten, der bei über 30 Grad mehrere Stunden lang im Klassenzimmer sitzt?

Die Maske ist wichtig und richtig. Aber sie darf nicht auf immer fragwürdigere Weise in immer mehr Alltagssituationen herangezogen werden, in denen sie auch zur Belastung werden kann. Die Mund-Nasen-Bedeckung dient mit wenig Aufwand als Schutz vor Corona - aber nicht um jeden Preis als Schutz vor unliebsamen Entscheidungen. Wenn die Maske zu einer Art Alibi wird, unter dem Druck von Eltern, der Wirtschaft oder sonstigen Interessengruppen bloß keine Lockerungen wieder zurückzunehmen, dann mag sie zwar in vielen Gesichtern richtig sitzen - aber politisch wäre sie so völlig falsch angewendet.

© SZ vom 13.08.2020/mane
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