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Corona bei Tönnies:Die Vergessenen von Gütersloh

Coronavirus - Ausbruch bei TËÜnnies

In Verl steht eine ganze Wohnblock-Siedlung unter Quarantäne - "ein Musterbeispiel", lobt sich der Sozialdezernent selbst.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Für die meisten Bewohner des Landkreises sind die Beschränkungen aufgehoben. Doch viele Tönnies-Arbeiter müssen weiter in Quarantäne bleiben. Sie fühlen sich im Stich gelassen.

Von Kristiana Ludwig und Lina Verschwele, Gütersloh

Am Dienstagnachmittag steht der Landrat von Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU), im Foyer seiner Kreisverwaltung, blickt in die Linsen von sechs Fernsehkameras und faltet seine kleine, rote Atemmaske in seinen Händen. "Wir sind hier sauber", sagt er. "Die Zahlen geben überhaupt keinen Anlass zu sagen, die Leute aus Gütersloh wollen wir nicht." Adenauer spricht von jenem Wert, der darüber Auskunft gibt, wie viele Menschen pro 100 000 Einwohner sich in den vergangenen Tagen mit dem Coronavirus infiziert haben. Er liege jetzt nur noch bei "35 Komma noch was", sagt er. In den vergangenen Wochen, als sich im Nachbarort Rheda-Wiedenbrück mehr als 1500 Arbeiter des Fleischkonzerns Tönnies angesteckt hatten, war er deutlich höher.

Im Kreis Gütersloh sind die Kontaktbeschränkungen, die wegen dieses Ausbruchs verhängt worden waren, schon seit dem Vorabend vorbei. Das Oberverwaltungsgericht Münster hatte in einem Eilbeschluss die Einschränkungen außer Kraft gesetzt, ein Spielhallenbetreiber hatte geklagt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung fühlte sich von der Entscheidung bestätigt: "Offenkundig hat sich das Virus nicht signifikant unter der Bevölkerung des Kreises Gütersloh verbreitet", erklärte das Düsseldorfer Gesundheitsministerium. Auch Adenauer hatte schon am Montag ein eiliges Statement verschickt: "Der Lockdown war eine Belastung, jetzt ist endlich die Stigmatisierung vorbei", hieß es darin.

Mit "Stigmatisierung" meint Adenauer die Gütersloher Bevölkerung, die zuletzt trotz Ferienanfangs nicht reisen konnte. Andere Bundesländer, Österreich oder auch einzelne Hotels schickten sie fort. Wen er nicht meint, sind Menschen wie Mihaela Constantinescu.

Am Montagnachmittag glaubte Constantinescu, dass man sie vergessen hat. Sie schaute fern - wie meistens, seit mehr als zwei Wochen. Die letzten Tage haben sie und ihr Mann allein verbracht, in einer Wohnung am Rand von Rheda-Wiedenbrück. Seit Mitte Juni sitzen sie in Quarantäne. Draußen ärgern sich Gütersloher in der deutschen Presse darüber, dass ihr Ostsee-Urlaub diesmal ausfallen könnte. Ob den Constantinescus ihre Vorräte ausgehen, scheint aber auch im rumänischen Fernsehen kaum zu interessieren. Über die Arbeiter in Quarantäne, so wie ihren Mann, werde nur noch wenig berichtet, sagt Constantinescu. Eigentlich heißt sie anders, sie will keinen Ärger.

Vorige Woche hatte sie so wie viele der Menschen, die im Tönnieswerk Schweine und Rinder zerlegt hatten, noch geglaubt, dass sie am Wochenende ihr Haus verlassen könnte. Doch dann kam der Anruf, die Verlängerung. Noch mal zwei Wochen, bis zum 17. Juli, hieß es. Constantinescu sagt, sie habe am Freitag deswegen mit der Stadt telefoniert und um Hilfe gebeten. Sie brauche Lebensmittel. Bislang sei aber niemand gekommen. "Der rumänische Staat kümmert sich nicht um uns und hier auch keiner mehr", sagt sie.

Bei den Sozialarbeitern des Caritasverbands für den Kreis Gütersloh, sagt deren Vorstand Volker Brüggenjürgen, gingen derzeit viele Hilferufe ein: "Wir bekommen seit Tagen permanent Anrufe von extrem verzweifelten Leuten, die überhaupt nicht verstehen, warum sie noch länger in Quarantäne bleiben sollen", sagt er. Besonders am Anfang sei die Lebensmittelversorgung hier "sehr schwierig" gewesen: "Wir haben gehört, dass die Subunternehmen nicht wie besprochen Essen an die Arbeiterinnen und Arbeiter geliefert haben". Einmal seien nur ein paar Kartoffeln und Salat im Paket gewesen. Vom Gütersloher Krisenstab heißt es, in einem solchen Fall würden die Kommunen einspringen, zur Not der Kreis. Die Stadt Rheda-Wiedenbrück erklärt, man habe das Lebensmittelproblem "umgehend erkannt" und klargestellt, man erwarte, dass die Versorgung "durch die Subunternehmen sichergestellt wird". Mittlerweile laufe das gut.

Mihaela Constantinescu erinnert sich an ein Paket mit Lebensmitteln, das ihr die Firma brachte: Mini-Schnitzel, zwei Gläser Würstchen, Zwiebeln, Kartoffeln, außerdem ganze zwei Tomaten. Es habe für vielleicht vier Tage gereicht, sagt sie. Zum Glück habe sie Vorräte gehabt, später schickte sie Bekannte einkaufen. Doch die berichteten ihr, dass man ihnen den Zutritt zum Supermarkt auch mal verwehrte - obwohl sie nicht bei Tönnies arbeiten.

Am Donnerstag vergangener Woche stehen gleich zwölf Polizeibullis auf dem Parkplatz der Stadthalle Rheda-Wiedenbrück. Das Ordnungsamt habe mehrere Hundertschaften aus dem Umland bestellt, sagt einer der Beamten. Sie bräuchten Unterstützung, wenn sie den Menschen beibringen, dass die Quarantäne jetzt doch nicht ende. "Zum Teil kommen Bundeswehrsoldaten und bewaffnete Polizisten in die Wohnungen", sagt Caritas-Chef Brüggenjürgen. Die Betroffenen seien in einer "extrem angespannten Situation, die psychologisch sehr schwierig ist. Gerade die Menschen mit negativen Testergebnissen fühlen sich eingesperrt."

Verl sperrt ganzen Wohnblock mit Tönnies-Arbeitern ab

Ein paar Kilometer entfernt, im Städtchen Verl, steht Jobrotia Gheorghe Alin vor einem Bauzaun und blickt durch die Metallstreben auf ein Kornfeld. Sein Kollege und er haben die Hände in den Taschen vergraben, der Sicherheitsmann draußen hat sie schon ermahnt: Maske auf. "Das ist nicht normal", sagt er. Keiner wisse, ob man bald wieder arbeiten könne, wie lange der Zaun noch steht. Vielleicht drei Tage. Vielleicht länger. Sein Kollege berichtet von Geschrei auf den Fluren, die Leute würde streiten und trinken, sagt er. "Sie machen mich wahnsinnig". Alin sagt, die Leute hätten große Sorgen. Wie sollen sie ihr Auto abbezahlen ohne Einkommen, wie die Rechnungen der Familie, daheim in Rumänien? Alins Sohn ist fünf.

Verl hat sich für einen Sonderweg entschieden und einen ganzen Wohnblock mit Tönnies-Arbeitern abgesperrt. "Rückblickend ein Musterbeispiel, wie man es machen muss", lobt sich der Verler Sozialdezernent Heribert Schönauer selbst. Essen gibt es hier genug, auch Spielzeug für die Kinder habe man gebracht. Eine Dame mit blauer Ordnungsamtsweste läuft am Zaun auf und ab und ruft "Doktor?". Von Kritik am Zaun will Schönauer nichts wissen. Aus Rheda-Wiedenbrück heißt es dagegen, man vertrete die Haltung, dass eine sichtbare "Markierung" der betroffenen Häuser möglichst "vermieden werden sollte". Auch ein Zaun kann stigmatisieren.

Neben Alin lehnt ein Mann mit grauem Schnurrbart an einem Auto, die Arme vor der Brust verschränkt, die Füße in Hausschuhen. Er sei 54. Bisher habe er sich noch nicht infiziert, sagt er. Ob er Angst davor hat? Er blickt zum Himmel.

Die Leiterin des Kreisgesundheitsamts in Gütersloh, Anne Bunte, sagt später auf der Pressekonferenz, jetzt sei es sehr wichtig, die Nicht-Infizierten zu schützen, indem "die Positiven woanders angemessen untergebracht werden". In Verl, sagt der zuständige Dezernent Schönauer, solle es bald nur noch "zwei, drei Wohnhäuser" geben, die mit infizierten Arbeitern belegt würden. Soll dort dann weiterhin ein Zaun stehen? "Das müssen wir entscheiden", sagt Schönauer.

© SZ vom 08.07.2020/mane
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