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Corona in Afrika:Was Terroristen hilft

Virus Outbreak Somalia

Die Bewohner eines Lagers bei Mogadishu fühlen sich verwundbar: Es gibt in Somalia erst wenig bestätigte Corona-Infektionen, doch auf der Flucht vor der islamistischen al-Shabab-Gruppe schwinkt die Angst mit.

(Foto: Farah Abdi Warsameh/AP Photo)

Von einem Zusammenhang zwischen der Pandemie und einem Anstieg terroristischer Gewalt zu sprechen, wäre zwar gewagt. Aber besonders in Terrorhochburgen kann das Virus wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Drei Jahre lang führten sie einen Krieg im Schatten. Vor wenigen Wochen dann, auf dem Höhepunkt der Cornona-Pandemie, richteten die Aufständischen im Norden von Mosambik ein Blutbad an und bekannten sich zu jener Gruppe, die sich "Islamischer Staat" nennt. Die Männer kamen scheinbar aus dem Nichts, enthaupteten oder massakrierten alle, die sich nicht ihrer Ideologie aus der Steinzeit verschreiben wollten. In Mosambik nehmen die Bewaffneten das wichtigste Kapital des Landes ins Visier: ein riesiges Erdgasfeld, das dem verarmten Küstenstaat in Ostafrika Wohlstand verspricht.

Die Afrikanische Union beobachtet mit Sorge eine Zunahme der Terroranschläge in den vergangenen Monaten, etwa in der Sahelregion am südlichen Rand der Sahara, im Tschadsee-Becken und in Somalia. Von einem Zusammenhang zwischen der Pandemie und einem Anstieg terroristischer Gewalt zu sprechen, wäre zwar gewagt. Allerdings kann das Virus besonders in Ländern mit geringen Einkommen, wo terroristische Gruppen ihre Hochburgen haben, wie ein Brandbeschleuniger wirken.

Der Kontinent blieb nicht von Covid-19 verschont, doch die Zahl der Fälle ist niedrig. Gerade einmal 1,5 Prozent aller weltweit Infizierten leben dort - das widerlegt die düsteren Prognosen der Experten. Viele Politiker sorgen sich allerdings weniger darum, wie viele Menschen erkranken, als vielmehr um die dramatische Wirtschafts- und Hungerkrise, die den Kontinent erreicht hat, jetzt da Grenzen und Häfen dicht, Märkte geschlossen und Kleinbauern ohne Einkommen sind.

Mindestens genauso gefährlich wie das Virus selbst

Krisen sind nicht nur die beste Zeit für das organisierte Verbrechen: Auch Aufständische können eingreifen, wo die Regierung bei der Versorgung mit Medizin, Wasser und Nahrung versagt, und so die Unterstützung der Bevölkerung für ihre Sache gewinnen. Das Vakuum zu füllen, das der Staat hinterlässt, kennzeichnet seit seinen Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts den modernen Islamismus. Was die Terroristen brauchen, ist Zustimmung im Volk. Dabei bauen sie auf die Abneigung gegen die eigene Regierung oder ausländische Truppen. Um sich diese zu erkaufen, nutzen sie strukturelle Schwächen des Staates aus - in Zeiten wie diesen gelingt das noch besser als sonst.

Die unzureichenden Gesundheitssysteme der afrikanischen Staaten halten stand, auch weil die Gesellschaften jung sind. Das ist jedoch nur eine Momentaufnahme. Erst kürzlich wurde der erste Fall in einem dicht belegten Flüchtlingslager der Vereinten Nationen im Südsudan gemeldet, und niemand kann abschätzen, wie schnell sich das Virus an Orten wie diesen ausbreiten würde.

Wenn eine Gesundheitskrise zur Wirtschaftskrise wird, kann das bereits bestehende Sicherheitsbedrohungen verstärken. Rebellengruppen könnten die Situation ausnutzen, um ihren Einfluss auszuweiten, Mitglieder zu rekrutieren und Gewalt zu säen. Aufständischen gelingt in Krisenzeiten noch besser, was sie ohnehin am besten können: krude Ideologien und Verschwörungstheorien verbreiten und staatliche Autorität als ultimatives Feindbild gegen die Religion zu denunzieren. Das ist mindestens genauso gefährlich wie das Virus selbst. In der Sahelregion, wo bereits Millionen Menschen vertrieben und Tausende getötet wurden, nennen Terroristen das Virus einen "von Gott gesandten Krieger".

© SZ vom 08.06.2020/jsa
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