Coronavirus in Südtirol:Das Urlaubsidyll fürchtet um seine Urlauber

Südtirol Touristen

Skifahrer in einem Südtiroler Sessellift.

(Foto: G. Fischer/imago)
  • Hoteliers in Südtirol sind verwundert über die Empfehlung des Auswärtigen Amtes, Reisen in das Gebiet zu vermeiden, sofern sie nicht erforderlich sind.
  • Man rechnet von Stornierungsquoten von mehr als 50 Prozent für die laufende Saison.
  • Kritiker bemängeln, dass es in der Region womöglich deutlich mehr Coronavirus-Fälle gebe, allerdings nur wenige Tests.

Von Hans Gasser

Ein halber Meter Neuschnee, Sonne und perfekt präparierte Pisten: Bessere Wintersportbedingungen als in diesen Tagen hat es in den Südtiroler Dolomiten schon lange nicht mehr gegeben. Die Pisten auf der bekannten Sellaronda, einer Skirunde, die um den Sellastock führt, waren in den vergangenen Tagen "brutal voll", wie es ein Urlauber aus Hessen ausdrückt, der gerade zum Skifahren in Wolkenstein ist. Außer, dass in manche Gondelbahnen nun nur noch vier statt acht Personen gelassen werden, merke man bisher nicht viel von der Corona-Krise. In Wolkenstein sollen sich einige deutsche Urlauber angesteckt haben, die nach ihrer Rückkehr nach Baden-Württemberg positiv getestet wurden.

Dieses Winterurlaubsidyll ist deshalb erschüttert worden von der Nachricht, dass das Robert-Koch-Institut Südtirol als Corona-Risikogebiet eingestuft und das Auswärtige Amt vor "nicht erforderlichen Reisen" dorthin abgeraten hat. Das ist zwar keine Reisewarnung, nach der Pauschalurlauber kostenlos stornieren dürften, aber eine sehr dezidierte Empfehlung.

In einer Region, die vom Tourismus abhängig ist und in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord geeilt ist mit zuletzt 34 Millionen Übernachtungen, führt das zu großer Aufregung. Der Präsident des Südtiroler Hotelier- und Gaststättenverbandes, Manfred Pinzger, sprach von einem "Dolchstoß", und das, obwohl es bisher nur zwei einheimische Corona-Fälle gebe. "Das war im ersten Schock, das würde ich nicht mehr so formulieren", sagt Pinzger nun. "Dennoch haben wir mit Verwunderung und Respekt die Empfehlung des Auswärtigen Amtes zur Kenntnis genommen, dass von Reisen nach Südtirol abgeraten wird. Wir fragen uns, ob das in diesem Ausmaß notwendig ist." Schließlich habe das "rigorose italienische Gesundheitsamt" Südtirol bisher nicht zum Risikogebiet erklärt. Unter den Hoteliers gebe es große Besorgnis. "Die Gäste reisen teilweise früher ab, und es kommen kaum Buchungen, derzeit auch nicht für Ostern und Pfingsten." Pinzger rechnet mit einer Stornierungsquote von mehr als 50 Prozent für die laufende Saison. Sein Verband empfehle den Hoteliers, kulant damit umzugehen und den Gästen das Geld zurückzuerstatten. Bei einem Treffen mit den Seilbahnbetreibern am Donnerstagabend habe man beschlossen, dass man Lifte und Hotels noch bis Ostern offen lassen wolle: "Aber das ist seit der Empfehlung des Auswärtigen Amtes nicht mehr gewiss."

Der Hotelier Michil Costa, der im Gadertal (Alta Badia) zwei Hotels und fünf Restaurants betreibt, findet das Abraten des Auswärtigen Amts für Südtirolurlaub "übertrieben". "Wir Hoteliers haben sofort die zusätzlichen Hygiene-Maßnahmen der italienischen und der Landesregierung umgesetzt." Man habe die 180 Mitarbeiter aufgerufen, Ruhe zu bewahren und die Hygieneregeln rigoros einzuhalten. "Vorzeitig schließen wollen wir nicht, das wäre wirtschaftlich und auch gegenüber unseren Mitarbeitern und Gästen nicht richtig." Man habe auch eine Verantwortung für die Gäste, die da seien. "Die haben ein Recht auf etwas Normalität und ihren Urlaub." Es gebe zwar viele Stornierungen, etwa 50 Prozent, aber auch noch neue Buchungen. "Gestern Abend waren unsere Restaurants noch bummvoll, die Leute haben es sich gutgehen lassen." Im Gadertal habe es noch keinen Coronafall gegeben, man müsse die Lage im Blick behalten.

In Baden-Württemberg sollen sich mindestens 39 von 90 Infizierten in Südtirol angesteckt haben

Kritiker werfen ein, dass es im Land vielleicht auch deshalb so wenige Fälle gebe, weil so wenig getestet wurde: "Bis gestern waren es nur 28 Tests im ganzen Land", sagt der ehemalige Parlamentsabgeordnete Florian Kronbichler. "Bisher vertrat man die Linie, die Leute hätten sich angesteckt, bevor sie nach Südtirol gekommen sind." Das sei nicht mehr aufrechtzuerhalten, vor allem nachdem so viele Gäste, die im Grödnertal oder bei der Biathlon-WM in Antholz waren, nach ihrer Rückkehr positiv getestet wurden. Allein in Baden-Württemberg haben sich - Stand Freitagnachmittag - mindestens 54 der insgesamt 111 Corona- Erkrankten im Südtirolurlaub angesteckt.

Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher sagte, man halte alle nationalen und internationalen Vorgaben für Tests auf das Coronavirus ein. Er hat ein Maßnahmenpaket angekündigt, um betroffene Unternehmen und Familien wirtschaftlich zu unterstützen: "Südtirol hat die Kraft und verfügt über eigene Instrumente und Möglichkeiten, um in dieser Situation angemessen zu reagieren."

Etwa 50 Prozent der Gäste in Südtirol kommen aus Deutschland, 30 Prozent aus Italien, der Rest aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. 38 000 Menschen arbeiten im Gastgewerbe, hinzu kommen Handwerker oder Dienstleister, die vom Tourismus abhängig sind.

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