Süddeutsche Zeitung

Corona-Pandemie:Wie die zweite Welle Spanien zum Risikogebiet macht

Wer in Spanien Urlaub machen will, muss nun die Quarantäne mit einplanen. Die Infektionsgefahr ist den deutschen Fachleuten zufolge auf dem ganzen Festland und den Balearen zu hoch. Dabei schien das Land zwischendurch auf einem guten Weg.

Von Markus C. Schulte von Drach

Viele hatten sich zwischenzeitlich Hoffnung gemacht, bald wieder reisen zu können, als wäre die Pandemie vorbei, oder zumindest im Griff. Ein schwerer Irrtum, wie das Beispiel Spanien deutlich macht. Gerade auf den Balearen hatte die Tourismusindustrie seit Juni gehofft, nach drei Monaten des Stillstands das Geschäft endlich ankurbeln zu können. Touristen durften kommen, aber sie sollten sich der Infektionsgefahr entsprechend verhalten. Viele ignorierten die Regeln.

Immer wieder fanden illegale Partys mit Hunderten Gästen statt, ohne Masken, ohne Sicherheitsabstand. Schon im Juli beschlossen die Behörden, alle Lokale am Ballermann auf Mallorca wieder zu schließen, wo vor allem Deutsche sich vergnügen, aber auch in Magaluf, dem Ziel vieler Briten.

Spanien hatte die Covid-19-Pandemie bereits im Januar erreicht, der erste identifizierte Fall war ein Tourist aus Deutschland, der sich, wie die ersten Patienten in seiner Heimat, während eines Lehrgangs in München über einen Gast aus dem chinesischen Wuhan infiziert hatte. Er wurde schnell isoliert, aber während es in Deutschland erst einmal bei Einzelfällen blieb, breitete sich der Erreger in Spanien schon im Februar schnell aus. Denn das Virus war über etliche Wege nach Spanien gelangt - und die Gefahr wurde anfänglich unterschätzt.

Als ein wichtiger Ausgangspunkt der lokalen Ausbreitung gilt ein Fußballspiel. In Mailand trafen am 19. Februar Atalanta Bergamo und der FC Valencia aufeinander. 2500 Fans waren aus Spanien angereist, einige von ihnen nahmen von dort aus das Virus mit heim.

Im März stieg die Zahl der Infektionen exponentiell an, Ende des Monats und Anfang April infizierten sich täglich mehr als 9000 Menschen, die Behörden meldeten 950 Tote an einem einzigen Tag. Und obwohl das Land den staatlichen Alarmzustand ausrief und sich einen strengen Lockdown auferlegte, wurden insgesamt - inklusive der Genesenen - bald etwa 200 000 Fälle gezählt.

Durch rigorose Maßnahmen gelang es, die weitere Ausbreitung erheblich zu bremsen. Im Mai und Juni stieg die Gesamtzahl der Infektionen von etwa einer viertel Million auf "nur" etwas mehr als 270 000.

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Ab dem 21. Juni dürfen Urlauber aus der EU und den Schengenstaaten wieder unbegrenzt nach Spanien einreisen. Flugreisende müssen seit Anfang Juli ein Formular zur Gesundheitskontrolle ausfüllen. Aber seit sich Spanien wieder mehr geöffnet hat, insbesondere die Balearen bereits ab Mitte Juni, ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen steil gestiegen. Trotz Maskenpflicht im Freien und Abstandsgebot.

Diese Regeln gelten allerdings nicht am Strand, am Pool, beim Essen und Trinken oder beim Sport. Auffällig viele Infektionen wurden nach Angaben der Behörden bei Saisonarbeitern der Landwirtschaft, bei Besuchern von Nachtlokalen und Teilnehmern von Privatpartys identifiziert.

Das Auswärtige Amt hatte Ende Juli deshalb von touristischen Reisen in mehrere Regionen Spaniens abgeraten - wie nach Katalonien mit den beliebten Touristenzielen Barcelona und Costa Brava. Auch die Regionen Aragón und Navarra, Madrid und das spanische Baskenland waren betroffen. Nicht abgeraten wurde von Reisen auf die Balearen, wo sich die Tourismusindustrie so sehr ins Zeug gelegt hatte, und die Kanaren.

Nun hat das Land wohl eine zweite Welle erreicht, zwar nicht so stark wie die erste, aber mit jetzt mehr als 60 Toten auf 100 000 Einwohner weist Spanien im Verhältnis mehr Opfer auf als Länder wie die USA oder Brasilien. Mehr als 340 000 Menschen sind oder waren infiziert, 28 600 sind nach einer Infektion gestorben.

Nun schätzen Robert-Koch-Institut, die Ministerien für Gesundheit und für Inneres sowie das Auswärtige Amt die Infektionsgefahr als so groß ein, dass Spanien - das Festland insgesamt sowie die Balearen - als Risikogebiet eingestuft wird.

Das bedeutet, dass dort in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte je 100 000 Einwohner registriert wurden, oder dass dort die Gefahr einer Infektion besonders groß ist, weil die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht ausreichen. Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung ausgesprochen.

Wer sich zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb der letzten 14 Tage vor Einreise nach Deutschland in einem Risikogebiet aufgehalten habe, so heißt es auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts, kann nun entsprechend der Verordnungen des zuständigen Bundeslandes unter Quarantäne gestellt werden.

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