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Prantls Blick:Soziale Projekte vor dem Aus

Solidarität in Zeiten der Krise: Lebensmittel und Kleidung hängen am Gabenzaun an der Reichenbachbrücke in München.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Es wird viele erschreckende wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise geben. Betroffen sind auch ausgerechnet solche Initiativen, die bislang Solidarität organisiert haben.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

In der Hamburger Speicherstadt und in vielen anderen Großstädten weltweit gibt es Ausstellungen, die "Dialog im Dunkeln" heißen. Es sind dies Ausstellungen, in denen sehende Menschen zu blinden Menschen werden. Die eigentlich sehenden Menschen gehen, geleitet von blinden Menschen, durch stockdunkle Räume. Am Eingang erhalten sie einen Blindenstock; dann geht es durch einen Vorhang hinein ins schwarze Nichts.

Man sieht nicht, wie groß die Räume sind. Man sieht nicht, ob sie Ecken haben. Man sieht nichts von der schwankenden Holzbrücke, über die man gehen soll. Man sieht nichts vom Wald und nichts von Bäumen. Der Stock verfängt sich in Blätterwerk, man ertastet einen Stamm, spürt erst Moos und später Kies unter den Schuhen. Man sieht nichts von der lauten Straße, die es zu überqueren gilt; auch nichts vom Markt, über den man dann tappt; man riecht ihn nur, man riecht den Kaffee, man riecht das Obst, man riecht die Gewürze. Man tastet sich an Mauern, an Hauseingängen und an der eigenen Hilflosigkeit entlang. Es ist, als schrumpfe die Welt auf den Radius des Blindenstocks; man ist ein Blindgänger.

Die bekannte Welt ist auf einmal so fremd

Eingehüllt von Alltagslärm klammert man sich an die beruhigende Stimme von Matthias, dem Guide, der einem sagt, wo es lang geht und der die Leute ermuntert, sich frei im Raum zu bewegen. Die Dunkelheit macht ihm nichts, er ist sie gewohnt, er ist blind; behindert sind jetzt die anderen, die die Dunkelheit nicht kennen; sie erleben zum ersten Mal, wie es ist, nichts zu sehen, nicht einmal die Hand vor den Augen. Sie sind bestrebt, körperlichen Kontakt zum Nachbarn zu halten: Dialog im Dunkeln. Manche sind versucht, die Beklemmung, die sie spüren, durch Kalauerei zu vertreiben; es gelingt nicht. Die bekannte Welt ist auf einmal so fremd. Es ist sehr beklemmend, es ist erschreckend, sich so hilflos zu fühlen.

Die Erfahrungen, die die Besuchergruppen in der Ausstellung machen, macht in der Corona-Krise die Gesellschaft global und real: Sie tappt mit dem Blindenstock durch die plötzliche Finsternis. Sie weiß aber nicht, anders als in den Ausstellungsprojekten, wie lange diese Finsternis dauert und wie sie endet. Die Gesellschaft weiß auch nicht, ob und wie weit man den Guides, die einen führen, also den Virologen und den Politikern trauen kann - die anders als die Guides in "Dialog im Dunkeln" keinen Erfahrungsvorsprung haben. Viele Menschen suchen in ihrer Angst eigentlich Nähe, sind aber amtlich gehalten, auf physische Distanz zu gehen.

Der "Dialog im Dunkeln" ist ein sozial motiviertes Experiment, das nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt wird. Andreas Heinecke, studierter Historiker, Literaturwissenschaftler und Philosoph, heute 64 Jahre alt, hat es vor dreißig Jahren erfunden. Er ist das, was man einen "Social Entrepreneur" nennt und dafür vielfach international ausgezeichnet. Er war und ist der Pionier des sozialen Unternehmertums in Deutschland. Es geht ihm um soziales Lernen, um einen Perspektivenwechsel: "Nur wer die Welt mit anderen Augen sieht", sagt er, "kann sich in ihr zurechtfinden - und dabei Neues entdecken". Zunächst betrieb Heinecke den "Dialog im Dunkeln" unter dem organisatorischen Dach einer Blindenanstalt, die er von vier auf 35 Mitarbeiter ausbaute. 1995 wurde ihm der Rahmen zu eng, er machte sich selbständig.

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