Coronavirus in Singapur:Die gefährliche zweite Welle

FILE PHOTO: Commuters wait for a transport to leave the Woodlands Causeway across to Singapore from Johor, hours before Malaysia imposes a lockdown on travel due to the coronavirus outbreak

Es wird immer deutlicher, dass auch die reiche, straff organisierte Handelsmetropole Singapur ihre Schwierigkeiten hat, das Virus in den Griff zu bekommen.

(Foto: REUTERS)
  • Der Stadtstaat Singapur gehört zu den Staaten, die im Kampf gegen das Coronavirus zuletzt erfolgreich waren.
  • Mitte März nahmen die Krankheitsfälle jedoch rapide zu. Inzwischen zählt Singapur bereits zehnmal so viele Fälle wie noch vier Wochen zuvor.
  • Das oft gelobte Tracing in Singapur stößt nun an seine Grenzen.

Von Arne Perras, Singapur

Singapur zählt zu jenen Staaten, die viel Anerkennung von den Epidemiologen bekommen haben. Der Stadtstaat gilt als tatkräftig und effizient. Schnelle Entscheidungen, frühzeitige Beschränkungen und Kontrollen bei Flügen aus China, strikte Quarantäne, ein effizientes Aufspüren aller Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten. Singapur schien vieles, wenn nicht alles richtig zu machen im Kampf gegen Covid-19. Und doch wird nun immer deutlicher, dass auch die reiche, straff organisierte Handelsmetropole ihre Schwierigkeiten hat, das Virus in den Griff zu bekommen. Gerade in den vergangenen Tagen traten die Probleme immer offener zutage, das schlüssige Bild, das anfangs um die Welt ging, es gerät gerade ins Wanken.

Die Welt sah einen Staat, der offenkundig seine Lehren aus der Sars-Epidemie im Jahr 2003 gezogen hatte und den Ausbruch von Covid-19 von der ersten Minute an sehr ernst nahm. So gelang es, die Zahl der Fälle bis Ende Februar unter 100 registrierten Infizierten zu halten. Dann aber veränderte sich die Lage rasch. Mitte März nahmen die Krankheitsfälle rapide zu. Inzwischen zählt der Stadtstaat bereits zehnmal so viele Fälle wie noch vier Wochen zuvor. Am Wochenende bestätigte die Regierung die Zahl von 1309 Infizierten, sechs davon inzwischen tot. Am Sonntagabend wurde außerdem bekannt, dass Singapur zwei Siedlungen mit 20 000 Gastarbeitern unter Quarantäne stellt, weil es dort Dutzende Infizierte gibt.

Dass sich die Lage im März erheblich veränderte und die Zahlen nach oben schnellten, wird in Teilen der sogenannten zweiten Welle zugeschrieben, ausgelöst durch die vielen Rückkehrer von anderen Kontinenten; zumeist waren das singapurische Staatsbürger, aber auch ausländische Geschäftsleute und deren Familien. Für sie alle gelten nun strikte Quarantänevorschriften, auch hat Singapur mehrfach die Regeln zur Einreise verschärft. So gelingt es Ausländern fast gar nicht mehr, Familienangehörige in die Stadt zu bringen.

Trotz strikter Kontrollen und Beschränkungen aber ist zu beobachten, dass sich der Staat immer schwerer tut, neue Fälle mit den schon bekannten Infektionen zu verknüpfen. Das bedeutet: Die Ansteckungswege sind immer seltener nachvollziehbar. Was in den ersten Wochen des Ausbruchs noch hervorragend gelang, war in den vergangenen Tagen oft gar nicht mehr möglich. Das oft gelobte Tracing in Singapur stößt nun an seine Grenzen. Ein Alarmzeichen.

"Singapur hat bei Weitem einen der besten Ansätze verfolgt", erklärt dazu der Infektiologe Michael Osterholm von der University of Minnesota im Gespräch mit der Agentur Reuters. Nun aber zeige sich auch im Stadtstaat, wie schwer es doch ist, dieses Virus einzudämmen. Mutmaßlich hängt das damit zusammen, dass Kranke nicht zum Arzt gehen; und dass es vermutlich eine unbekannte Zahl von Infizierten gibt, die entweder nur sehr schwache oder gar keine Symptome zeigen. Die Betroffenen wissen dann gar nicht, dass sie Träger sind, geben das gefährliche Virus aber gleichwohl weiter.

Nur noch sogenannte "essenzielle Dienste" laufen weiter

Am Freitagnachmittag um 16 Uhr war Premierminister Lee Hsien Loong im Livestream zu sehen, er klang besorgt angesichts der schnell steigenden Infektionszahlen und verordnete neue, weit drastischere Schritte im Kampf gegen Covid-19. Seine Ankündigung fiel in eine Zeit, da der Alltag in Singapur trotz ökonomischer Härten noch halbwegs normal erschien. Weil die Eindämmung im Februar noch recht gut gelang, hatte der Staat von Schulschließungen abgesehen, man konnte Restaurants besuchen. Auch die meisten Büros im Central Business Distrikt blieben geöffnet, wenn auch zahlreiche Unternehmen bereits das Arbeiten online erprobten oder ihre Belegschaften in Gruppen unterteilten, die jeweils versetzt zur Arbeit fuhren.

Von Dienstag an wird es sehr viel strenger zugehen, es schließen die Schulen und auch viele Arbeitsstätten und Geschäfte, vorerst für vier Wochen. Nur noch sogenannte "essenzielle Dienste" laufen weiter: Kliniken, Lebensmittelläden und Banken bleiben geöffnet, und ja, auch der Friseur und der Barbier um die Ecke. Offenbar ist die Vorstellung, dass die Bevölkerung im Schatten der Corona-Krise verzotteln könnte, doch von Gewicht. Tönen und Färben sowie die Dauerwelle müssen allerdings ausfallen, weil die Zeit beim Friseur auf ein Minimum beschränkt bleiben soll.

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Die Regierung kommuniziert ihre Botschaften rund um die Uhr auf allen Kanälen, doch auch das hielt viele nicht davon ab, in die Malls zu strömen und sich manchmal deutlich näher zu kommen, als sie sollten. In der Shopping-Meile Plaza Singapura zum Beispiel konnte man noch am 21. März beobachten, wie Wühltische einer beliebten japanischen Lifestyle-Kette stundenlang wie ein Magnet die Schnäppchenjäger anzogen. Dutzende Kunden steckten die Köpfe über der Ware ganz eng zusammen, obgleich sie schon lange mit den energischen Botschaften über Social Distancing berieselt worden waren.

Die staatsnahe Straits Times beklagte in einem Kommentar, dass die schon frühzeitig ausgegebene Regel, Abstand zu halten, in den vergangenen Wochen von vielen Leuten einfach nicht eingehalten wurde. Darauf spielte auch Premier Lee an, als er in seiner Rede an die Nation sagte: "Wir brauchen jeden Singapurer an Bord." Nur so könne es gelingen, die Infektionsketten zu brechen.

© SZ vom 06.04.2020/mkoh
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