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Coronavirus:Als Deutschland eine Pandemie simulierte

Coronavirus âˆ' Intensivbett

So sieht es aus: Ein Intensivbett für Lungenerkrankte

(Foto: Ronald Bonï/dpa)
  • Der Krisenstab der Bundesregierung lässt täglich ein Lagebild erstellen, mit dem kontrolliert wird, dass für den Alltag notwendige Dinge in Deutschland weiterhin verfügbar sind.
  • Bei der Bewältigung der Corona-Krise helfen Simulationen: 2007 haben Staat und Unternehmen bereits das Szenario einer Pandemie durch einen Erreger aus Asien durchgespielt.
  • Eine Herausforderung: Mit getwitterten Fotos von leeren Regalen und bewusst verbreiteten Falschnachrichten hatte damals niemand gerechnet.

Von der "Kost Kritis" haben selbst viele altgediente Beamte und Politiker noch nie gehört, das sperrige Behördenkürzel steht für die "Koordinierungsstelle Kritische Infrastrukturen". Hier sitzt eine Gruppe von Experten aus Bund und Ländern zusammen, die Geschäftsstelle befindet sich im Berliner Innenministerium. Bisher hatte die Truppe nicht sonderlich viel zu tun. Dann kam Corona.

Das Leben in Deutschland ist durch die Pandemie in bisher nie gekannter Weise eingeschränkt, das Land steht still. Clubs, Schulen und Bars kann man schließen, in vielen Bereichen ist Home-Office möglich - aber nur, solange die kritischen Infrastrukturen die zu Hause sitzenden oder erkrankten Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Die "Kost Kritis" trägt große Verantwortung dafür, dass eben nicht alles zum Stillstand kommt.

Laut Definition umfassen die kritischen Infrastrukturen derzeit acht Sektoren und 30 Branchen, es geht etwa um Strom, Wasser, Heizung, auch das Internet muss weiter funktionieren. Zu den Aufgaben von "Kost Kritis" gehört auch, dass das Gesundheitssystem der Herausforderung gewachsen bleibt und die Versorgung mit Lebensmitteln und Bargeld gewährleistet.

Und natürlich die öffentliche Sicherheit. Was als entscheidend eingestuft ist und was nicht, erfahren in diesen Tagen zahllose Eltern. Sind sie in keinem der kritischen Bereiche beschäftigt und erfüllen dort keine als unverzichtbar eingestufte Arbeit, gibt es für ihre Kinder zumeist auch keine Betreuung.

Eine Pandemie ist auch für die Funktionsfähigkeit der Kritis-Strukturen der größtmögliche Stresstest. Sie trifft nicht nur einen, sondern alle Teile des Landes, Personal kann also nicht etwa schnell aus Bayern nach Niedersachsen verlegt werden. Und die Pandemie ist kein zeitlich eng umrissenes Ereignis wie ein Erdbeben oder ein terroristischer Anschlag. Sie kann sich über viele Monate hinziehen. Da ist es gut, dass eben dieses Szenario in der Vergangenheit in Übungen durchgespielt wurde - unter realen Bedingungen ist es allerdings beispiellos in der Geschichte des Landes.

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Der Krisenstab der Bundesregierung hat inzwischen den Auftrag erteilt, in einem Lagebild einen nun täglichen und möglichst lückenlosen Überblick anzufertigen, ob und mit welchen Ausfällen in den kritischen Bereichen zu rechnen sein könnte. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte, man verschaffe sich in ihrem Bereich jetzt einen "tagesaktuellen Überblick" über die Versorgungslage.

Auch viele der Kritis-Unternehmen melden sich inzwischen bei den Behörden. Zu den am häufigsten gestellten Fragen gehört, ob man sich schon jetzt um Passierscheine und Ausnahmegenehmigungen bemühen sollte, falls es wie in Italien oder in Frankreich doch noch zu einer Ausgangssperre kommen sollte.

Sieben Ministerien, Kanzleramt und sieben Bundesländer übten damals den Seuchen-Ernstfall

Bund und Länder sind auch hier gemeinsam in der Verantwortung, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn hat die entscheidende fachliche Expertise. In diesen Zeiten werden Simulationen und Stabsübungen aus früheren Jahren aus dem Archiv geholt und auf den neuesten Stand gebracht.

Die entscheidende fand vor 13 Jahren statt, im November 2007, und liest sich heute in Teilen beunruhigend aktuell. 3000 Beamte aus sieben Bundesministerien, dem Kanzleramt und sieben Bundesländern simulierten im Rahmen einer "Lükex"-Übung (das steht für "Länder und ressortübergreifende Krisenmanagementübung") eine landesweite Epidemie.

Ausgelöst wurde sie in diesem Szenario durch einen neuartigen Erreger aus Asien. Das Robert-Koch-Institut hatte an dem Drehbuch für die zweitägige Übung mitgeschrieben, die 14 Monate lang vorbereitet worden war. Energieunternehmen wie RWE und EnBW sowie die Lebensmittelwirtschaft nahmen auch teil. Millionen Menschen erkrankten und Zehntausende starben in diesem Szenario.

Für die kritischen Infrastrukturen kam eine Auswertung zum Ergebnis, dass die Lebensmittelversorgung selbst im Extremfall alles in allem gesichert werden könne, ebenso wie andere lebenswichtige Bereiche. Das Gesundheitssystem allerdings würde einem solchen Szenario nicht standhalten.

Police clear a public park where people were gathering despite a ban by authorities due to the spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Frankfurt

Polizisten gelten in der Krise als unabdingbar: Beamte setzen in Frankfurt die Vorschriften zum Schutz vor Ansteckung durch - und räumen einen Park.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Das war nur eine Übung. Und die damals in diesem Szenario angenommene Sterblichkeit lag mit zehn Prozent sehr weit über der heute durch das Corona-Virus verursachten Letalität. Es ist also keinesfalls ausgemacht, dass es so schlimm kommt wie in der Übung. Und in der aktuellen Corona-Epidemie sind zudem in keinem Bereich wesentliche Ausfälle erkennbar.

Am kritischsten ist es derzeit nach allen Einschätzungen für das Gesundheitssystem. Bund und Länder haben sich gerade auf den ehrgeizigen Plan geeinigt, die Zahl der Betten in der Intensivmedizin zu verdoppeln. Medizinstudenten werden verpflichtet.

Selbst die deutsche Abfallwirtschaft spielt nun Szenarien durch

Eine Herausforderung ist allerdings, dass die Übungen einer solchen Krise stets vor der Hochzeit der sozialen Medien stattfanden. Mit getwitterten Fotos von leeren Regalen und bewusst verbreiteten Falschnachrichten hatte niemand gerechnet.

Videos von einer einzigen Klopperei ums Klopapier können sich millionenfach verbreiten. So kann schnell der Eindruck von Krise entstehen, selbst wenn der Nachschub schon eine Stunde später da ist. Panik kann noch ansteckender sein als jedes Virus. Klöckner versicherte diese Woche: "Die Supermärkte bleiben offen, alles andere sind Falschmeldungen."

Unnötige Anlaufschwierigkeiten allerdings werden schon jetzt erkennbar, weil in zahlreichen Unternehmen Krisenpläne entweder nicht vorhanden oder nicht auf dem neuesten Stand waren. Dabei waren Behörden und Industrie schon bei der Auswertung der Pandemie-Übung im Jahr 2007 zu dem Schluss gekommen, dass "in allen Unternehmensbereichen die Sicherstellung der personellen Besetzung von Schlüsselfunktionen ein entscheidender Faktor für die Funktionsfähigkeit in Krisenzeiten" sei.

So muss jetzt eilig nachgearbeitet werden. Welches Personal ist für den Betrieb unbedingt notwendig, wen kann man nach Hause schicken? Wer springt ein, wenn jemand ausfällt? Das System der Redundanz ist entscheidend, wenn eine Krise lang andauert.

Der örtliche Energieversorger "Alliander Netz Heinsberg" in der besonders früh und hart betroffenen Region Heinsberg in Nordrhein-Westfalen etwa reagierte schnell. Er bildete einen Krisenstab, schickte einen Teil der 80 Mitarbeiter nach Hause, untersagte Dienstreisen und verteilte Desinfektionsmittel. Inzwischen melden sich Unternehmen aus dem ganzen Land bei dem Betrieb, fragen nach deren Erfahrungen.

Auch neue Entscheidungen müssen getroffen werden. Hamilton, ein Schweizer Hersteller von Beatmungsgeräten, erklärte diese Woche, es sei sehr schwer, die zahlreichen neue Aufträge abzuarbeiten, wenn die Hälfte der Mitarbeiter zuhause Kinder habe, die betreut werden müssten. Da müssten "wir, beziehungsweise die Politik", schnell eine Lösung finden.

Auch die deutsche Abfallwirtschaft spielt schon Szenarien durch. Wenn es mit dem Personal eng wird, sollen zunächst Ballungsräume bedient werden, auch medizinischer Abfall hat Priorität. Sperrmüll oder Biomüll können warten. Es ist Luft in jedem System, zieht es sich auf seine Kernbereiche zurück, werden Kapazitäten frei.

In vielen Unternehmen, aber auch Behörden, wird in diesen Tagen allerdings selbstkritisch eingeräumt, dass man diese Überlegungen besser früher angestellt hätte. Andererseits ist ermutigend zu sehen, wie schnell vielerorts inzwischen Entscheidungen getroffen werden. Digitales Arbeiten von zuhause wird jetzt innerhalb von Stunden angeordnet, ohne lange Diskussionen und detailliertere Betriebsvereinbarungen.

In eben solcher Geschwindigkeit entstehen im Krisenstab in Berlin und in den Ländern auch neue und ausgefeiltere Simulationen zu den Auswirkungen einer womöglich lang anhaltenden Pandemie. Schließlich tragen auch am Arbeitsplatz nicht alle Menschen das gleiche Risiko.

Im Leitstand eines Kraftwerks gibt es wenige Kontakte, zudem können Urlaube und Fortbildungen verschoben werden. Verstöße gegen Arbeitszeitgesetze werden künftig wohl in Kauf genommen. Ähnlich ist es bereits bei den Lenkzeiten für Lastwagenfahrer, dem Sonntagsfahrverbot oder den Öffnungszeiten für Supermärkte. Flexibilität verschafft Luft.

Von entscheidender Bedeutung für die Lieferketten ist auch die Versorgung auf dem Seeweg. Zur Ansteckungsgefahr hier heißt es, dass die Besatzung eines Hochseeschiffs weniger Risiko trägt als ein Binnenschiffer. Denn sie laufen seltener in einen Hafen ein. Am höchsten ist das Risiko für diejenigen, die im Gesundheitssystem arbeiten oder etwa in Supermärkten.

Zu den kritischen Infrastrukturen gehören übrigens qua Definition auch die Medien. Sie gelten als entscheidend, um die Bürger in solchen Zeiten mit dem zu versorgen, was ebenfalls von entscheidender Bedeutung ist: Verlässliche Nachrichten.

© SZ vom 20.03.2020/tpa/bepe
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