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Kampf gegen Coronavirus:Seehofer gegen zu schnelles Lockern der Ausgangsbeschränkungen

Interior Minister Seehofer Announces New Measures To Counter Coronavirus Spread

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU)

(Foto: Getty Images)
  • Innenminister Seehofer will die Ausgehbeschränkungen wegen des Coronavirus in Deutschland nicht aus ökonomischen Gründen vorzeitig lockern.
  • Auch der These von der Herdenimmunisierung widerspricht Seehofer.
  • Der CSU-Politiker plädiert für "die strengsten Maßstäbe, wenn es um die Unterbrechung der Infektionsketten geht".

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat Überlegungen eine Absage erteilt, aus ökonomischen Gründen die strengen Ausgehbeschränkungen wegen des Coronavirus in Deutschland vorzeitig wieder zu lockern. "So lange das Virus so wütet, ist der Schutz der Menschen alternativlos", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Eine Exit-Strategie kann man aus meiner Sicht erst dann angehen, wenn man dieses schnelle und aggressive Verbreiten des Virus im Griff hat."

Wirtschaftliche Interessen dürften laut Seehofer den Schutz von Menschenleben nicht überlagern. "Die Funktionsfähigkeit wieder herzustellen unter Inkaufnahme von vielen Toten oder auch Kranken, die geheilt werden, aber bleibende Schäden haben, scheidet für mich aus", sagte er. Für solche Maßnahmen stehe er nicht zur Verfügung. "Nicht mit mir."

Nachdem wegen der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland zahlreiche Geschäfte vorübergehend geschlossen werden mussten und die Bewegungsfreiheit der Bürger beschränkt wurde, werden die Stimmen lauter, zeitnah eine sogenannte Exit-Strategie ins Auge zu fassen. Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Carsten Linnemann (CDU) forderte ein zügiges Ende des Wirtschaftsstillstandes. Auch der Städte- und Gemeindebund drängt auf Strategien, wie die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder aufgehoben werden könnten. "Langfristig können wir nicht das gesamte Land lahmlegen", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke Mediengruppe. FDP-Chef Christian Lindner betonte, seine Partei trage viele Einschränkungen mit, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Das alte Maß der Eigenverantwortung müsse aber möglichst bald wiederhergestellt werden, sagte er dem Kölner Stadtanzeiger.

Einen ganz anderen Ton schlägt hingegen Bundesinnenminister Seehofer an. Er lehne die These der Herdenimmunisierung ab, nach der möglichst viele Menschen vom Corona-Virus befallen werden sollen, um zügig immun zu werden. Das halte die Kosten der Pandemie zwar vergleichsweise niedrig, sei aber nur um den Preis hoher Sterberaten zu erreichen. "Erstens hat mir noch kein Wissenschaftler in die Hand versprochen, dass man dann wirklich immun ist", sagte Seehofer. "Und zweitens heißt das, dass man Opfer in Kauf nimmt. Das halte ich für eine unvertretbare Strategie."

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Abzulehnen sei auch ein Vorgehen, bei dem Ausgangsbeschränkungen und Ladenschließungen aus ökonomischen Erwägungen schrittweise gelockert würden - unter Inkaufnahme hoher Risiken für Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen. "Es ist eine Illusion zu glauben, man könne ein Virus schrittweise steuern, so dass nur die 90-Jährigen oder 80-Jährigen oder 70-Jährigen betroffen sind", so der Minister. "Wenn ich so etwas höre, da werde ich verrückt." Das Virus suche sich seinen Weg. Immer öfter führe es auch bei Jüngeren zu schweren Krankheitsverläufen. "Ich halte nichts davon, solche Parolen in die Welt zu setzen: 'Die Wirtschaft muss bald wieder flott gemacht werden.' Das ist alles schönes Gebrüll."

Sollte die Virenlast in Deutschland stark steigen, würden solche Thesen sicher nicht mehr aufgestellt. Er plädiere für "die strengsten Maßstäbe, wenn es um die Unterbrechung der Infektionsketten geht". Nötig sei nun "große Disziplin etwa bis zur Osterzeit". Danach müsse die Lage neu bewertet und die Zeit überbrückt werden, "bis wir ein wirksames Medikament haben oder einen Impfstoff".

© SZ.de/mkoh
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