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Coronavirus in Asien:Lehren aus der Sars-Epidemie

Nur eine Übung: Soldaten der taiwanischen Armee führen in Taipeh eine Desinfektionskampagne vor.

(Foto: Sam Yeh/AFP)
  • 2003 hatte die Infektionskrankheit Sars von China aus rasch auf die unmittelbaren Nachbarländer übergegriffen und zahlreiche Opfer gefordert.
  • Nun haben Taiwan, Hongkong und Singapur, inzwischen auch Südkorea, die Coronavirus-Krise unter Kontrolle gebracht.
  • Im Unterschied zum drakonischen Ansatz Chinas setzten sie auf Informationen, viele Virentests - und vor allem auch schnelle Entscheidungen.

Es war Anfang Februar, als plötzlich eines Abends alle Handys in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, vibrierten. Eine Notfall-SMS der Behörden, eine Warnung, wie sie sonst nur bei einem schweren Erdbeben verschickt wird - doch nichts wackelte. Stattdessen ein Link zu einer Google-Maps-Karte: "Haben Sie sich an einem dieser Orte am 31. Januar aufgehalten?" Verzeichnet waren vor allem Sehenswürdigkeiten, die eine mit dem Coronavirus infizierte Touristin aus Wuhan besucht hatte.

Sie hatte sich den Drachenbergtempel angesehen, war in der Nähe des Wolkenkratzers Taipeh 101 gewesen und auch bei den heißen Quellen im Yangmingshan-Nationalpark. Welch ein Aufwand für einen einzigen Corona-Fall. Genau dieses entschlossene Handeln gleich zu Beginn des Ausbruchs der Seuche hat jedoch dazu geführt, dass Taiwan trotz seiner räumlichen Nähe zu China bislang fast unbeschadet davongekommen ist. Die Bilanz: 59 Infizierte, ein Toter. Und die Schulen haben geöffnet.

In Taiwan, genauso wie in Hongkong und Singapur, inzwischen aber auch in Südkorea ist es gelungen, der Krise Herr zu werden, ohne das soziale Leben komplett einzufrieren, ohne den drakonisch-chinesischen Ansatz der totalen Isolation, stattdessen mit Informationen, vielen Virentests und vor allem schnellen Entscheidungen. Mehr als 100 Verordnungen hat das Central Epidemic Command Center in Taiwan in den vergangenen Wochen erlassen.

Gegründet 2004 nach dem Ausbruch der Lungenseuche Sars koordiniert die Behörde den Kampf gegen das Virus. Bereits Anfang Januar wurde damit begonnen, Flüge aus Wuhan genauer zu inspizieren. Seit dem 6. Februar darf man aus China überhaupt nicht mehr einreisen. Es sei denn, man ist Taiwaner oder Inhaber einer Aufenthaltsgenehmigung. Dann muss man sich für zwei Wochen in Quarantäne begeben, um die Einhaltung zu überwachen, werden die Handydaten ausgewertet.

Auch Hongkong hat die Grenzen frühzeitig dichtgemacht. Erst im Norden zur Volksrepublik, inzwischen darf niemand mehr aus Europa und den USA einreisen ohne Quarantäne. Das Resultat: 145 Infizierte und vier Tote. Es war vor allem die Bevölkerung, die die Regierung der ehemaligen britischen Kronkolonie dazu trieb, rasch abzuriegeln.

Die Erinnerungen an Sars sind in Hongkongs kollektives Gedächtnis eingebrannt

"Dass wir etwas tun müssen, ist uns am 22. Januar klar geworden, an jenem Tag wurde der erste Patient in Hongkong positiv auf das Coronavirus getestet", erinnert sich Winnie Yu, sie ist die Vorsitzende der Hospital Authority Employees Alliance, die Krankenhausgewerkschaft Hongkongs. "Wir haben deshalb begonnen, einen Streik zu organisieren."

Anfang Februar traten etwa 4000 Krankenhausmitarbeiter für vier Tage in den Ausstand. Mit Erfolg, sie zwangen die Regierung, die Grenzen weitestgehend dichtzumachen. Protest regt sich dagegen nicht. Die Erinnerungen an Sars sind in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt.

Vor 17 Jahren starben 299 Hongkonger. Welche Gefahr von einem exponentiellen Wachstum ausgeht, muss man in der Stadt niemandem mehr erklären. Auch damals kam die Krankheit aus China. Es wurden Schulen geschlossen, "auf der Straße gab es keine Autos mehr, keine Busse. Hongkong war eine Geisterstadt", erinnert sich Winnie Yu. Wer heute aus der Volksrepublik einreisen möchte, muss für zwei Wochen in Quarantäne. Statt täglich bis zu 300 000 Chinesen kommt nun nur noch ein Bruchteil davon in die Stadt.

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Doch so ist Hongkong erstaunlich lebendig geblieben. Fast alle Menschen tragen Schutzmasken, die Schulen und Kindergärten haben zwar geschlossen, die meisten Hongkonger aber gehen wieder zur Arbeit. Bars und Restaurants haben ganz normal geöffnet. Genauso wie in Singapur.

Der Stadtstaat ist wachsam, reagiert schnell und unterlässt keinen Versuch, jene konsequent zu isolieren, die mit Infizierten in Kontakt gekommen sind. Singapur hat nicht nur früh die Flüge aus den betroffenen Gebieten in China ausgesetzt, sondern auch strenge Quarantäne-Regeln für ankommende Reisende aus Risikogebieten durchgesetzt.

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