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Corona:Die Gefahr des Weihnachtsurlaubs

Der Münchner Flughafen war nach Weihnachten noch immer relativ verwaist, doch der Reiseverkehr steigt wieder.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Wer in ein Risikogebiet fährt, muss hinterher in Quarantäne. Doch die lässt sich kaum kontrollieren. Ärzte und Politiker fürchten nun, dass Urlauber vermehrt das Virus einschleppen - gar in der gefährlichen Variante.

Von Christian Endt, München

Über die Feiertage hat der Reiseverkehr stark zugenommen. Epidemiologen, Ärzte und Politiker fürchten daher, dass infizierte Reiserückkehrer die Erfolge des Lockdowns gefährden, bevor diese überhaupt eingetreten sind.

Während die Grenzen im ersten Lockdown im Frühjahr weitgehend geschlossen waren, sind sie diesmal offen. Flugzeuge, Züge und Busse verkehren, auch zahlreiche private Autos sind unterwegs. Zwar gelten für den Grenzübertritt strenge Test- und Quarantänevorschriften, doch deren Einhaltung lässt sich kaum kontrollieren.

Wer aus einem Risikogebiet zurückkehrt - und dazu zählt derzeit fast die ganze Welt - muss anschließend für zehn Tage in Quarantäne, aus der man sich nach fünf Tagen freitesten kann. Dazu kommen zahlreiche Ausnahmen und Zusatzregeln, die sich je nach Bundesland unterscheiden. Bei Lkw-Fahrern entfällt in Bayern die Quarantänepflicht; ebenso für Pflegekräfte und Menschen, die nahe Verwandte besucht haben - dann allerdings nur, wenn der Einreise-Test negativ ist. Der Abstrich darf bis zu 48 Stunden vor Einreise gemacht werden, wodurch das Testergebnis nur bedingt aussagekräftig ist. Gerade in der Altenpflege geht damit ein Risiko einher.

In manchen Ländern, darunter Bayern und Sachsen, gilt eine generelle Testpflicht bei der Einreise, die sich aber nicht auf die Quarantäne auswirkt. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordert eine solche Testpflicht bundesweit. In vielen Ländern gebe es deutlich mehr Infizierte als in Deutschland, zudem sei bei Familientreffen über Weihnachten die Ansteckungsgefahr besonders groß. "Wir müssen insbesondere darauf achten, dass keine neuen Varianten des Coronavirus in Deutschland Fuß fassen", sagt der Bundestagsabgeordnete.

Wer dieser Tage mit Reisenden spricht, findet kaum jemanden, der die Vorschriften vollständig kennt und versteht. Die bundesweiten Regeln sind im Internet übersichtlich dargestellt und in viele Sprachen übersetzt. Für die von den Ländern festgelegten Details gilt das nicht unbedingt.

Vor allem aber lässt sich die Einhaltung der Quarantäne kaum kontrollieren. Zuständig sind die Gesundheitsämter in den Landkreisen und kreisfreien Städten. Also jene Behörden, die angesichts hoher Fallzahlen schon mit Aufgaben wie der Kontaktnachverfolgung seit Monaten überfordert sind - was ja eine wesentliche Begründung für die Einführung des Lockdowns war.

Wie viel Einschleppungen aus dem Ausland zum Infektionsgeschehen beitragen, lässt sich nicht genau sagen. Doch es gibt zeitliche und räumliche Korrelationen: So war die erste Welle stark von Skiurlaubern aus Österreich und Südtirol getrieben. Und die aktuellen Hotspots liegen großteils an den Grenzen zu Polen und Tschechien.

Europäische Strategie zur Eindämmung gefordert

Ein großer Zusammenschluss führender europäischer Wissenschaftler, darunter der Virologe Christian Drosten und die Physikerin Viola Priesemann, forderte kurz vor Weihnachten in der Fachzeitschrift The Lancet eine gemeinsame europäische Strategie zur Eindämmung des Virus - sonst drohe ein "Ping-Pong-Effekt" eingeführter Infektionen. Man müsse die Fallzahlen europaweit synchron senken, dann könnten die Grenzen offen bleiben. Im Umkehrschluss: Solange die Fallzahlen nicht überall unten sind, ist der Reiseverkehr ein Problem.

Asiatische Staaten, die das Coronavirus erfolgreich bekämpft haben, setzen die Einreisebeschränkungen in der Regel deutlich konsequenter durch. So gibt es etwa in Taiwan 92 von der Regierung festgelegte Quarantänehotels, in denen sich Reisende für 14 Tage einquartieren müssen. Während dieser Zeit darf das Zimmer nicht verlassen werden.

© SZ/chen/nvh
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