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Merkels Corona-Kommunikation:Der Gestus der ungeduldigen Lehrerin ist fehl am Platz

German Chancellor Angela Merkel attends a video-conference

Zuletzt verfiel Kanzlerin Merkel in den Modus einer ungeduldigen Lehrerin, die darüber verzweifelt, dass die Leute nicht sehen, was sie sieht.

(Foto: Fabrizio Bensch/AFP)

Die Regierenden müssen den Bürgern die massiven Einschränkungen zur Bekämpfung der Pandemie erklären - und keine Angstszenarien schüren, wie es die Kanzlerin und einige Länderregierungschefs zuletzt taten.

Kommentar von Jens Schneider, Berlin

Gerade läuft einiges schief im Kampf gegen die Corona-Pandemie hierzulande. Damit ist nicht der unerwartet harte Einschnitt gemeint, zu dem die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten sich jetzt entschlossen haben. Für diesen Schritt gibt es gute Gründe, die Pandemie ist in Deutschland außer Kontrolle geraten. Es besteht die Gefahr, dass die Krankenhäuser bald die wachsende Zahl an schwer Erkrankten nicht mehr versorgen können. Aber damit der harte Schnitt wirken kann, braucht es endlich wieder eine den Bürgern zugewandte Kommunikation. Eine Kommunikation, die der dramatischen Lage entspricht, aber nicht Angstszenarien in den Mittelpunkt stellt, wie sie die Kanzlerin und einige Länderregierungschefs zuletzt vermittelten.

Das wird jetzt die wichtigste Aufgabe der Regierenden sein: Sie müssen den Bürgern erklären, warum sofort solch harte Einschränkungen nötig sein sollen, und das unbedingt für jede Regel. Treffend stellte die Kanzlerin am Mittwochabend fest, dass es vor allem auf die Vernunft der Bürger ankommt, was heißt: Verordnungen allein genügen nicht. Dafür reicht allein der Hinweis nicht, dass die Infektionszahlen hoch sind wie nie zuvor. Offenkundig reagiert ein Teil der Bürger anders als im Frühjahr - weniger beunruhigt, abwartend oder auch ignorant. Ein Grund dafür mag in der Selbstgefälligkeit liegen, mit der man im Sommer befand, besser durch die erste Welle gekommen zu sein als andere Länder. Als wäre nun alles gut.

Die Kanzlerin hat das nicht getan. Sie hat früh gewarnt, mit einem eindrucksvollen Appell am Ende ihrer Haushaltsrede im Bundestag. Zuletzt verfiel sie aber in den Modus einer ungeduldigen Lehrerin, die darüber verzweifelt, dass die Leute nicht sehen, was sie sieht. Das mag mit der Sorge und Last einer Frau mit großer politischer Verantwortung in einer so heiklen Situation zu tun haben. Überzeugend ist es nicht. Unverständlich war etwa die bizarre Idee, ihre Corona-Warnungen aus dem vergangenen Podcast einfach zu wiederholen. Das ist der Stil altbackener Pädagogen, die Diktate so oft schreiben lassen, bis sie sitzen.

Es hilft schon im Umgang mit Kindern nicht, eine Mahnung im gleichen Tonfall und Wortlaut ständig zu wiederholen. Hier wurden erwachsene Bürger angesprochen. Hilflos wirken auch apokalyptisch anmutende Vokabeln wie "Heimsuchung" und "Unheil". Ja, das Virus hat Züge einer Heimsuchung. Und wenn jetzt nicht die große Mehrheit der Bürger vernünftig reagiert, sind viele Erkrankungen und Todesfälle zu befürchten. Diese Einsicht aber wird man damit ebenso wenig erreichen wie mit der Drohung, dass Weihnachten einsam werden könnte.

Es kommt darauf an, das bestehende Durcheinander der Stimmen und Studien zu ordnen. Das war im Frühjahr eine auch international beachtete Stärke der Kanzlerin, die nüchtern und ernst begründete, was sie und ihre Kollegen entschieden. Nun ist es erst recht notwendig, den Nutzen deutlich zu machen, nachvollziehbar und gründlich.

Unbrauchbar ist da der Das-habe-ich-doch-nun-schon-dreimal-gesagt-Gestus, auf den sich gerade auch Markus Söder oder Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller so gut verstehen. Die Politik hat das Mandat und die Aufgabe, über diese gravierenden Einschnitte in den Parlamenten zu beraten, zu entscheiden und das intensiv zu erklären. In diesem Sinne wird Angela Merkel an diesem Donnerstag wohl eine der letzten, gewiss aber eine der wichtigsten Regierungserklärungen ihrer Kanzlerschaft halten.

© SZ/fie
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