Süddeutsche Zeitung

Quarantäne:Zeit, das Restrisiko einzugehen

Im Notfallmodus nur noch fünf Tage Quarantäne bei Corona-Verdacht, schlägt Virologe Drosten vor. Die Politik sollte ihm folgen - um des gesellschaftlichen Friedens willen.

Kommentar von Felix Hütten

Wenn Wissenschaftler und Ärzte eines lernen mussten in den Corona-Monaten, dann war es die Entscheidungsfindung auf nicht eindeutiger Faktenlage. Und doch, das ist das große Dilemma für die evidenzbasierte Medizin, müssen Entscheidungen her.

Eine Entscheidung, die mit Blick auf den Herbst getroffen werden muss, betrifft die Zeitspanne, in der potenziell infizierte Menschen nach Ausbrüchen etwa in Betrieben dem täglichen Leben fernbleiben sollten. Charité-Virologe Christian Drosten schlägt als eine Art Notlösung vor, diese zunächst ohne Test nur noch für fünf Tage statt wie bisher für zwei Wochen in Quarantäne zu schicken. Dahinter steckt die mittlerweile gereifte Annahme, dass Menschen wohl nur eine knappe Woche nach Beginn der - manchmal kaum spürbaren - Symptome besonders infektiös sind.

Drostens an sich sinnvoller Vorschlag hat jedoch einen Haken: Noch immer rätselt die Forschung über die Frage, ob die Virenlast nach fünf Tagen tatsächlich gering genug ist für den Alltag. Sein Vorschlag ist daher ein Kompromiss, er selbst nennt ihn "Schmerzgrenze der Epidemiologie". Natürlich wären zehn oder gar 14 Tage besser - zumindest, bis Fragen zu Virenlast und Infektiosität eindeutig geklärt sind. Zwei Wochen Vollbremsung aber könnten viele Menschen an die Schmerzgrenze ihrer Kooperationsbereitschaft führen.

Ein Restrisiko bleibt. Im Sinne des gesellschaftlichen Friedens ist es an der Zeit, es einzugehen.

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Quelle:
SZ vom 05.09.2020/jael
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