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Corona-Krise:"Wir haben angefangen, uns aus dem Weg zu gehen"

(Foto: privat; Bearbeitung SZ)

Wie lebt es sich in einem fast komplett abgeriegelten Ort? Fünf Betroffene erzählen - vom Durchhalten, von leeren Kirchenbänken, Corona-Tests auf dem Marktplatz und der Wut über manche Mitmenschen.

Die Zahl der bestätigten Corona-Fälle in Deutschland wächst und wächst. Fünf Orte sind von der Pandemie besonders betroffen, dort musste sich bereits ein beträchtlicher Teil der Bürger in Quarantäne begeben oder es wurde gleich die ganze Ortschaft abgeriegelt. Die SZ hat mit Menschen aus diesen Orten gesprochen - darüber, wie das Leben unter solchen Bedingungen funktioniert - und woran es manchmal scheitert.

Dagmar Helgert (63) betreibt gemeinsam mit ihrem Mann einen Gasthof in Mitterteich

Dagmar Helgert

Dagmar Helgert würde gern bald wieder Gäste begrüßen.

(Foto: privat)

Im bayerischen Mitterteich gilt seit Mitte März eine strikte Ausgangssperre, sie wurde gerade bis Gründonnerstag verlängert.

Mein Mann und ich schauen viel aus dem Fenster in diesen Tagen. Um 17 Uhr stehen wir auf dem Balkon und klatschen für alle, die jetzt noch das öffentliche Leben am Laufen halten. In der ersten Woche haben wir uns fast noch über die freie Zeit gefreut. Wir haben die Vorhänge im Gastraum unseres kleinen Hotels gewaschen, den Frühjahrsputz gemacht, ein bisschen renoviert. Wann sonst sind mal das Restaurant geschlossen und keine Gäste im Hotel?

In der zweiten Woche war es schon anders. So langsam fällt einem die Decke auf den Kopf. Wir haben angefangen uns aus dem Weg zu gehen, um uns nicht in die Haare zu kriegen. Trotzdem sind wir froh, dass wir uns beide haben - und dass wir den Gasthof nur zu zweit betreiben. Wenn wir Mitarbeiter in Kurzarbeit hätten schicken müssten, das wäre nicht schön. So müssen wir nur für uns beide sorgen. Wie lange wir das finanziell durchhalten, wissen wir nicht. Vielleicht einen Monat, dann wird es eng.

Im Ort ist die Stimmung trotz allem noch in Ordnung, auch wenn wir Mitterteich nicht mehr verlassen dürfen. Wald, Wiesen, das Wichtigste zum Überleben haben wir hier. Und zum Einkaufen in den 15 Kilometer entfernten Großmarkt müssen wir jetzt ja nicht mehr.

Carola Gulla (47) arbeitet als Altenpflegerin im "Feierabendheim" in Jessen (Elster)

Carola Gulla will weiter zur Arbeit gehen - so lange es geht.

(Foto: privat)

Die Kleinstadt Jessen in Sachsen-Anhalt ist seit Ende März komplett unter Quarantäne gestellt.

Alles fing damit an, dass einige Bewohner über Husten geklagt haben. Die Hausärzte haben uns belächelt, meinten, das sei doch nur eine Erkältung. Bis der erste ins Krankenhaus kam und ein Test auf das Coronavirus positiv ausgefallen ist. Bald darauf ist er verstorben. Jetzt nennen die Ärzte unser Altenheim "das verseuchte Heim". Als wären wir daran schuld, was passiert ist. Von ihnen fühlen wir uns besonders im Stich gelassen. Aber auch auf Facebook hat einer geschrieben, warum wir denn Feierabendheim heißen würden, da könnten wir uns ja auch gleich "Todesheim" nennen.

Viele Kolleginnen erzählen, dass man sie beim Einkaufen oder beim Bäcker schief anschaut oder man sich von ihnen wegdrehen würde, weil sie ja schließlich noch immer arbeiten gehen müssen und die Menschen anscheinend eine irrationale Angst haben, sich bei ihnen anzustecken. So etwas macht mich unfassbar wütend, traurig, ich kann es kaum fassen. Ich gehe schon gar nicht mehr selbst einkaufen, um mich auf gar keinen Fall irgendwo anzustecken.

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Ich möchte, so lang es irgendwie geht, weiter für die Bewohner da sein. Letztens ist der Mann einer Bewohnerin mit Corona-Verdacht ins Krankenhaus gekommen. Als sie auf dem Flur zu mir sagte, dass sie ihn wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen wird, haben wir zusammen geweint. Er hatte zum Glück nur eine Bronchitis, inzwischen ist er schon wieder putzmunter zurück. Das sind aktuell die schönen Momente.

Aber wenn ich abends nach Hause fahre durch unseren Ort, der jetzt eher einer Geisterstadt gleicht, kann ich meistens nicht abschalten, manchmal muss ich weinen. Ich schlafe schlecht, meine Nerven liegen blank. Ich brauche niemanden, der abends auf dem Balkon steht und für mich klatscht. Ich würde mir schon wünschen, wenn man uns in dieser Zeit nicht beschimpft und verunglimpft.

Thomas Mohr (70) beliefert die Menschen in Neustadt am Rennsteig noch immer mit Essen

Thomas Mohr im Einsatz

(Foto: privat)

Neustadt am Rennsteig in Thüringen steht seit fast zwei Wochen unter Quarantäne. Mohr betreibt hier das Unternehmen "Essen auf Rädern".

Jeden Morgen stehe ich jetzt an der Straßensperre, die unseren Ort abriegelt. Am Anfang hat die Polizei Wache geschoben, jetzt steht die Feuerwehr hier mit zwei Mann und passt auf, dass niemand den Ort verlässt oder betritt. Nicht einmal meine Tageszeitung bekomme ich, nur der Briefträger darf noch rein.

Mein Sohn bringt das Essen, das ich in Neustadt ausliefere, in mehreren schwarzen Boxen und stellt sie an die Absperrung. Ich nehme sie dann und lade sie in meinen Wagen. Eigentlich bin ich schon in Rente. Doch weil der Fahrer, der für Neustadt zuständig ist, nicht mehr rein darf, übernehme ich das. Ich habe immer zwölf oder 13 Kunden, sie sind zwischen 60 und Ende 80. Normalerweise würde ich mich an der Tür mit ihnen unterhalten. Das geht jetzt nicht mehr: Ich stelle das Essen vor die Tür, klingele und fahre weiter.

Ich freue mich schon darauf, wenn ich wieder aus dem Ort rauskomme und in unsere Firma fahren kann. Heute Nachmittag muss ich mich aber erstmal auf Corona testen lassen. Der ganze Ort muss das, 900 Leute. Auf dem Marktplatz haben sie extra Zelte aufgestellt. Ich mache mir keine Sorgen, dass ich angesteckt sein könnte. Auch wenn ich schon 70 Jahre alt bin.

Anja Grätz (49) ist Pfarrerin in Neustadt (Dosse)

Die Kirche, in der Anja Grätz sonst den Gottesdienst feiert, ist nun leer.

(Foto: privat)

Neustadt (Dosse) in Brandenburg war der erste Ort in Deutschland, in dem eine komplette Schule in Quarantäne geschickt wurde - am Ende mussten mehr als 2000 der 3500 Einwohner in mehrwöchiger Quarantäne verbringen.

Ganz ehrlich? Anfangs war es ein furchtbares Gefühl, sonntags vor leeren Bänken zu stehen. Kirche lebt doch von den menschlichen Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Wir machen aus der Situation aber das beste. Am Sonntag lassen wir trotzdem die Glocken läuten. Ich stelle mir die Menschen, die sonst auf den Kirchenbänken sitzen, einfach vor und denke an sie.

In der ersten Woche habe ich von dem einen oder der anderen noch gehört, dass die Kirche sich in diesen Tagen gar nicht zu Wort melde. Wir mussten uns auch erstmal sortieren. Meine Sekretärin hat dafür gesorgt, dass in unserer Gemeinde jetzt Mundschutz-Masken genäht werden. Ich habe an viele Gemeindemitglieder Briefe geschrieben, zwei Gottesdienste aufgezeichnet und diese auf die Website gestellt. Eine Seniorin hat sich dafür sogar ein Smartphone angeschafft. Einen weiteren Gottesdienst möchte das Altenheim auf ihrem Beamer zeigen.

Bald wollen wir mit Klavier und Klarinette ein Konzert vorm Altenheim geben, sodass die Senioren am Fenster zuhören können. Das Gute an der Krise ist, dass ich als Pfarrerin die Gelegenheit habe, aus meinem Hamsterrad herauszukommen, mich technisch weiterzubilden und neue Wege zu gehen. Gleichzeitig macht mir Sorgen, wie in der nächsten Zeit die Beerdigungen ablaufen sollen. Es dürfen ja nur noch Verwandte ersten Grades kommen, Umarmungen und Händeschütteln sind verboten. Das empfinde ich als irre belastend, ja, als unbarmherzig.

Sabrina Küsters (32) ist Verwaltungsangestellte in Heinsberg und alleinerziehende Mutter

Sabrina Küsters mit ihren Söhnen Tom (l.) und Phil.

(Foto: privat)

Das nordrhein-westfälische Heinsberg gilt als eines der Epizentren für den Ausbruch des Coronavirus in Deutschland.

Ich sitze im Moment jeden Abend vor dem Fernseher, pünktlich zu den Nachrichten. Meine Söhne, sieben und vier Jahre alt, bestehen darauf. Sie fragen mich dann: Mama, warum sterben so viele Menschen? Warum müssen wir zuhause bleiben? Mittlerweile haben sie sehr gut verstanden, was da draußen gerade passiert. Spätestens, seitdem wir selbst direkt betroffen sind.

Das letzte Mal vor der Tür waren wir vor einer Woche. Seitdem mein Jüngerer Schnupfen bekommen hat, bleiben wir rein vorsorglich zuhause. Zum Glück haben wir einen Garten, aber mit jedem Tag fällt uns die Decke mehr auf den Kopf. Gerade für meine Kinder wird die Situation nun tagtäglich schlimmer, vor allem für den Größeren. Er hat keine Schule mehr, muss sich alleine mit den Hausaufgaben beschäftigen.

Immer häufiger sagt er: 'Ich habe keinen Bock mehr, ich will zu meinen Freunden.' Er wird aktuell oft wütend, knallt die Türen zu oder weint in sein Kissen. Auch für ihn ist es eine absolute Ausnahmesituation. Was soll ich machen? Einen Lehrer ersetzen kann ich nicht. Der Kleinere ist zwar noch deutlich entspannter, aber für mich als Alleinerziehende ist das eine besonders schwierige Situation. Ich kann nicht einfach meinen Partner bitten, für einige Stunden auf die Kinder aufzupassen und mich zurückziehen. Ich muss für sie da sein, bis sie schlafen gehen - und dann mache ich die Hausarbeit, die den Tag über liegen geblieben ist.

Worauf ich mich nach dieser Zeit am meisten freue? Endlich mal wieder ganz normal, ohne Stress, einkaufen gehen zu können, etwas in den Regalen zu stöbern, mal mit dem Einkaufswagen stehen bleiben, um mit einer Freundin sprechen zu können. Eigentlich wäre das ja das Normalste der Welt, aber in diesen Tagen ist alles anders.

© SZ.de/liv/jsa/mcs
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