Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:An der innerdeutschen Grenze

  • Seit 30 Jahren ist die Mauer weg, aber in Zeiten der Corona-Epidemie kontrollieren Bundesländer ihre Grenzen wieder teilweise.
  • Für Urlauber sind Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein jetzt Sperrgebiet.

Da ist sie also wieder, diese Grenze. Eine alte, neue Grenze, eine deutsche Grenze in Zeiten von Corona. Ein strahlender Vormittag, Top-Wetter, wenig Verkehr aus Hamburg hinaus. Normalerweise sind die vielen Autos und Lastwagen das Problem auf der Autobahn von Hamburg Richtung Berlin, jedenfalls zu bestimmten Zeiten.

An diesen braunweißen Schildern aus Deutschlands Geschichte dagegen rauschen die meisten Leute vorbei, ohne sie noch wahrzunehmen, falls sie nicht gerade historisch gestimmt sind oder im richtigen Moment zufällig nach rechts schauen. "Ehemalige innerdeutsche Grenze 1945- 1990", steht da zum Beispiel ein Stück vor Schwerin zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, dazu das Piktogramm einer Mauer mit Wachturm; ferne Erinnerung.

Seit 30 Jahren ist die Mauer weg, aber seit einigen Tagen leuchten nun nicht sehr einladende Botschaften an beiden Seiten. "Für touristischen Verkehr im Land gesperrt", heißt es auf einem Hinweis am Straßenrand, gleich beim Grußschild "Mecklenburg-Vorpommern tut gut, Willkommen im Land zum Leben". Und gegenüber auf dem Rückweg, am Eingang zu "Schleswig-Holstein, der echte Norden", ist auf einer Warnung an der Fahrbahn dies zu lesen: "Schleswig-Holstein für Touristen gesperrt."

Millionen Gäste passieren jedes Jahr diese Grenzen, die üblicherweise nur noch Grenzen zwischen zwei Bundesländern sind. In der Osterzeit wären es wieder Besucherscharen gewesen, unterwegs nach Osten an die Mecklenburgische Seenplatte, nach Rügen, Usedom und die anderen Ostseebäder oder nach Westen auf die Inseln Sylt, Föhr oder nach Sankt Peter-Ording. Man würde mit offenen Armen empfangen werden, der Tourismus ist eine Milliardenindustrie. Aber für Urlauber sind Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein jetzt Sperrgebiet - wegen des Virus, der alles verändert, auch den innerdeutschen Grenzverkehr.

"Mecklenburg-Vorpommern ist gern und erfolgreich Tourismusland", gab Manuela Schwesig bekannt, die SPD-Ministerpräsidentin. "In der jetzigen Situation geht Urlaub aber nicht mehr. Deshalb müssen wir den Tourismus im Land komplett herunterfahren." In Schleswig-Holstein darf niemand die Inseln, Halligen und Warften betreten, der dort nicht seinen ersten Wohnsitz hat oder eine Sondergenehmigung für den Zutritt.

"Polizei kontrolliert Zutritt zur Insel", verkündete die Gemeinde Sylt

Aber was bedeutet diese auch innerdeutsche Abschottung konkret? An der Autobahn und auf Landstraßen ist Polizei zu sehen, das schon, aufgehalten wird man in diesen Stunden mit Hamburger Kennzeichen nicht. Jedenfalls nicht hier und auch nicht nebenan in Dörfern, die wie ausgestorben wirken. Das mag Zufall sein, denn es werden durchaus Kontrollen gemeldet, und es gibt allerlei Ärger.

Zwei Journalisten schilderten auf Twitter ihre Erlebnisse. Bei dem einen, Erstwohnsitz in Schleswig-Holstein, hätten drei Polizisten an der Tür geklopft, davor parkte der Dienstwagen der Freundin mit Berliner Kennzeichen. Ihnen sei gemeldet worden, "dass hier ein fremdes Auto steht". Der andere fuhr von Dreharbeiten aus Niedersachsen durch Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin, an einer Polizeiabsperrung seien alle Fahrzeuge ohne Kennzeichen aus Mecklenburg-Vorpommern herausgezogen worden. Erst habe er um Mecklenburg-Vorommern herumfahren sollen, dann habe er durchfahren dürfen, sei aber darauf hingewiesen worden, dass Halten "eine Straftat" sei.

Das Einreiseverbot für Freizeitmenschen in dem Bundesland gilt bis vorerst 19. April und trifft auch Berliner oder Brandenburger mit Refugien an den Ostseeufern oder sonstwo im Sperrbezirk. "Es gibt wieder eine innerdeutsche Grenze", schreibt der Berliner Kurier und berichtet, wie ein Brandenburger vergeblich versuchte, seine Datsche in Mecklenburg anzusteuern. Nummernschilder, die mit Städtekürzeln wie B, HH oder M beginnen, scheinen in dieser Lage Misstrauen zu erwecken, die Fahrer müssen unter Umständen abdrehen. Auch die Brandenburger Landesregierung hat alle Berliner aufgerufen, auf Ausflüge ins Nachbarland zu verzichten. Die Zeitung Nordkurier fragt derweil: "Noch 10 000 heimliche Besucher in MV?"

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Die Schätzung stammt von Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), der selbst mit der Polizei unterwegs war und der Ostsee-Zeitung sagte: "Wir haben die Regelung so getroffen, weil unser Gesundheitssystem für unsere 1,6 Millionen Einwohner ausgelegt ist - aber gerade in Zeiten der Corona-Krise nicht für mehr." Tausende Reisende wurden zurückgeschickt. Bis auf Weiteres dürfen im Zuge der Pandemie nicht mehr nur keine Hotels, Pensionen, Campingplätze oder Ferienwohnungen genutzt werden. Auch Zweitwohnungen sollen fürs erste leer bleiben, sofern sie nicht aus beruflichen Gründen als Stützpunkt dienen.

In Schleswig-Holstein ist das mit den zahlreichen Zweitwohnungen ähnlich, all die Regeln jedoch sind etwas verwirrend. Laut Kieler Landesregierung darf nun in seiner Zweitwohnung bleiben, wer bereits dort ist, beispielsweise auf Sylt. "Polizei kontrolliert Zutritt zur Insel", verkündete die Gemeinde Sylt am Mittwoch. Manche Landkreise lassen selbst Schleswig-Holsteiner nur noch in ihre Ferienhäuser, wenn sie im selben Landkreis ihren Erstwohnsitz haben. Die Grenzen ziehen sich mittlerweile sogar durch Bundesländer.

Die Polizei Rostock in Mecklenburg-Vorpommern prüfte allein am Mittwoch 1293 Fahrzeuge und wies dabei 137 Fahrzeuge mit 221 Personen ab. "Zwei Fahrzeuge", so das Polizeipräsidium Neubrandenburg nach 988 Kontrollen am Samstag, "durchbrachen die Kontrollstellen und konnten nicht mehr festgestellt werden."

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SZ vom 27.03.2020/mkoh
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