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Weltweite Pandemie:Was Corona lehrt

The coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Gouzeaucourt

Eine Ärztin misst Fieber bei einer mutmaßlich mit Covid-19 infizierten Frau in Gouzeaucourt, im Norden Frankreichs.

(Foto: REUTERS)

Vermeintlich weiche Themen wie die Entwicklungshilfe erweisen sich oft als die härtesten. Und Politik wie Gesellschaft müssen die Bedrohungen aus der Natur viel ernster nehmen als bisher.

Kommentar von Georg Mascolo

Wie die Welt nach der Pandemie aussehen wird, welche Lehren Staaten und Gesellschaften daraus ziehen - darüber wird nun gerätselt. Manche erwarten und erhoffen eine Blüte internationaler Zusammenarbeit, andere sagen das Gegenteil voraus. Zu den wenigen Gewissheiten gehört, dass die so lange weitgehend ignorierten gesundheitlichen Gefahren jetzt ernst genommen werden.

Kaum eine internationale Konferenz, kaum ein Treffen der G 7 oder G 20 wird für lange Zeit stattfinden, ohne dass die Pandemie-Bekämpfung auf der Tagesordnung steht. Die Zeiten, in denen Computerviren als gefährlicher betrachtet wurden als echte Viren, sind vorbei. Selbst ein Ignorant wie Donald Trump wird vermutlich nicht mehr auf die Idee kommen, eine Einheit zur Pandemiebekämpfung im Nationalen Sicherheitsrat der USA aufzulösen.

Darüber hinaus zwingt diese globale Katastrophe dazu, grundsätzliche Fragen zu stellen, etwa die, welche Risiken die größte politische (und mediale) Beachtung finden und welche nicht. Daran schließt sich die Frage an, worauf Staaten und Gesellschaften sich vorbereiten müssen und was sie tun können, damit aus Krisen keine Katastrophen werden. Schon der Flüchtlingssommer 2015 ging ja auch darauf zurück, dass die Lebensmittelversorgung in den Lagern schwierig wurde, weil es an Geld fehlt.

Zugegeben, oft sind die Aufgaben der Gegenwart so groß, dass wenig Zeit für Überlegungen bleibt, was die Zukunft bringen könnte. Gern wird allerdings auch, wie gerade wieder, die Theorie des "Schwarzen Schwans" bemüht. So nennt man ein angeblich extrem unwahrscheinliches Ereignis. Doch die vermeintliche Unvorhersehbarkeit muss zu oft als Ausrede für fehlendes Risikomanagement herhalten.

So werden, wie der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Münchener Rück, Nikolaus von Bomhard, einmal kritisierte, aus menschlichem Versagen höhere Gewalt, aus Leichtsinn Pech und aus Verantwortungslosigkeit Schicksal. Der Begriff des Schwarzen Schwans stammt von dem Wissenschaftler und Schriftsteller Nassim Nicholas Taleb. Er sagt heute, im Januar hätten Regierungen keine Pennies für den Kampf gegen Corona ausgeben wollen, jetzt müssten sie Billionen bezahlen.

Bis 2015 gab es in Deutschland die sogenannte Schutzkommission des Bundes. Unabhängige Wissenschaftler analysierten Gefahren und legten der Regierung Handlungsempfehlungen vor. Die Kommission wurde vom damaligen Innenminister Thomas de Maizière aufgelöst.

Heute hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe den gesetzlichen Auftrag, Szenarien zu beurteilen und Regierung und Parlament zu unterbreiten. Eines davon ist die inzwischen vielfach zitierte Simulation einer Pandemie. Aber man tut sich schwer, einen Abgeordneten zu finden, der das Papier aus dem Jahr 2012 damals überhaupt gelesen hat. Debattiert wurde darüber auch nicht.

Eine gut funktionierende, wache, unabhängige und ausreichend finanzierte WHO genauso wichtig ist wie die Nato

Nach Corona braucht es eine Anstrengung, um in der Vorausschau besser zu werden. Die erste Lehre der Pandemie ist es, dass vermeintlich weiche Themen oft die härtesten sind; dass das Zwei-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben nicht mehr Aufmerksamkeit verdient als das 0,7-Prozent-Ziel bei der Entwicklungshilfe; oder dass eine gut funktionierende, wache, unabhängige und ausreichend finanzierte Weltgesundheitsorganisation (WHO) genauso wichtig ist wie die Nato.

Gut wäre eine neu aufgelegte Schutzkommission - oder ein gestärktes Bundesamt für Bevölkerungsschutz -, verbunden mit der Pflicht, die Prognosen einmal im Jahr im Bundestag zu debattieren.

Man ahnt schon, was in diesen Prognosen zu lesen sein wird. Denn die zweite Lehre aus der Corona-Krise ist, dass Bedrohungen aus der Natur ernster genommen werden müssen. Nicht nur neuartige Krankheiten, sondern auch Dürren und die mit jedem Jahr sichtbarer werdende Klimakatastrophe.

Vergangenes Wochenende mahnte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble diese größere Diskussion an - über den "Klimawandel, den Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun". Er hoffe, dass "uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiterzumachen wie bisher".

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Das war eine notwendige Erinnerung in Zeiten, in denen mancher Verantwortliche in der Industrie schon daraufsetzt, Deutschland könne nach dem empfindlichen wirtschaftlichen Einbruch die Klimaziele erst einmal nach hinten verschieben.

Glücklicherweise gibt es reichlich Widerspruch, auch aus den eigenen Reihen. Auf dem - per Videoschalte abgehaltenen - Petersberger Klimadialog ging es diese Woche bereits viel darum, den wirtschaftlichen Neustart mit einem klimafreundlichen Umbau zu verbinden, auch Angela Merkel hat das am Dienstag gefordert.

Würde dies gelingen, so wäre dies endlich einmal eine gute Nachricht in schwierigen Zeiten.

© SZ vom 29.04.2020/odg
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