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Covid-19 in Krisengebieten:Allzu fruchtbarer Boden für das Virus

Unsichtbarer Gegner: Weißhelme vor einem Desinfektions-Einsatz in einem Flüchtlingslager in der Provinz Idlib.

(Foto: Aaref Watad/AFP)
  • In Europa und den USA wütet die Corona-Pandemie immer stärker, in vielen konfliktreichen Regionen kommt sie erst langsam an.
  • Gerade in schwachen Staaten könnte die Pandemie ein Vakuum schaffen, das sich Terroristen oder Konfliktparteien zunutzemachen.
  • Kolumbien, Mali, Syrien und Jemen dürften besonders gefährdet sein.

Es waren fünf Morde in sechs Tagen. Die Opfer lebten im Westen, im Süden und im Osten Kolumbiens, aber sie hatten eines gemeinsam. Sie engagierten sich. Als Gemeinderat, Ortsvorsteher, Gewerkschafter. Sie protestierten gegen die Drogengangs und Überbleibsel der Guerillas, die sich nahe ihrer Heimatdörfer Kämpfe um die Schmuggelrouten Richtung USA liefern und illegalen Bergbau betreiben. Dann wurden sie erschossen. Kolumbien hat trotz des Friedensprozesses von 2016 nie wirklich Frieden gefunden. So viele getötete Aktivisten wie in diesen Tagen aber gab es lange nicht mehr. Hinzu kommen viele weitere, die sagen, sie erhielten jetzt vermehrt Todesdrohungen. Die meisten von ihnen glauben, das Coronavirus habe mit der neuen Gewaltwelle zu tun.

In Europa und den USA wütet die Pandemie immer stärker, in vielen konfliktreichen Regionen kommt sie erst langsam an. Schon jetzt zeigt sich, dass sie das Potenzial hat, überall schwelende Konflikte zu verändern. Wo Menschen ohnehin besonders verwundbar sind, macht das Coronavirus sie noch verwundbarer. Gerade in schwachen Staaten könnte die Pandemie ein Vakuum schaffen, das sich Terroristen oder Konfliktparteien zunutze machen. Davor warnen internationale Experten, auch UN-Generalsekretär António Guterres. Er rief zu einem weltweiten Waffenstillstand auf - ein Blick in Konfliktgebiete zeigt, dass dies ein frommer Wunsch bleiben dürfte.

Kolumbien hat zwar erst gut 500 registrierte Corona-Fälle; die Regierung wirkt aber schon überfordert damit, die Infektionen einzudämmen. Nach Syrien ist Kolumbien das Land mit den zweitmeisten Binnenflüchtlingen weltweit, der mehr als 50 Jahre währende Bürgerkrieg hat viele Menschen mittellos gemacht. Sie leben in Wellblechhütten auf engstem Raum, ohne funktionierende Wasserversorgung. Ist das Virus einmal dort, dürfte es sich rasant verbreiten.

Hinzu kommt, dass auch die Kolumbianer wenig Aussicht auf gute Betreuung haben: Von 5300 Intensivbetten sind derzeit nur etwa 1000 für Corona-Patienten frei. Epidemiologen rechnen aber mit bald 24 000 Fällen. Präsident Iván Duque hat eine strikte Ausgangssperre bis 13. April verhängt und die Polizeipräsenz in den Städten drastisch verstärkt. In ländlichen Gegenden aber scheinen Gangs nun ihre Chance zu wittern. Vergangene Woche wurden nicht nur fünf Aktivisten umgebracht, ganze Dörfer wurden vertrieben; lokale Medien berichten von Enthauptungen.

Ähnliches droht in Mali, dessen Bevölkerung am Sonntag ein neues Parlament wählen sollte. Die Unsicherheit in dem westafrikanischen Land wird immer größer. Milizen liefern sich seit Jahren Kämpfe, Terroristen verüben Anschläge. Tausende sind umgekommen. Vor rund zehn Tagen meldeten die Behörden den bisher schwersten Anschlag auf die malische Armee in diesem Jahr, es folgten die ersten bestätigten Corona-Fälle, mindestens 18. Steigen die Fallzahlen steil an, dürften die Terroristen profitieren. Der Staat hätte ihnen dann noch weniger entgegenzusetzen. In weiten Landesteilen hat die Regierung ohnehin keine Kontrolle mehr, ein unkontrollierter Ausbruch der Viruserkrankung wäre verheerend, das Gesundheitssystem ist nicht gewappnet. Umgerechnet kommt auf eine Million Menschen nicht einmal ein Beatmungsgerät.

Länder, in denen Konflikte toben, sind besonders schlecht auf Corona vorbereitet. Die Krankenhäuser sind oft in desolatem Zustand, es mangelt am Notwendigsten. Jahrelange Kämpfe haben häufig dazu geführt, dass Menschen ihre Häuser verlassen mussten und nun auf engstem Raum in provisorischen Unterkünften hausen. Dort könnte sich das Virus besonders schnell verbreiten.

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