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Covid-19:Boris Palmer hat eine Linie überschritten

Boris Palmer

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer gefällt sich in der Rolle des Provokateurs.

(Foto: dpa)

In einem Interview legte Tübingens Oberbürgermeister nahe, dass man auf alte und kranke Menschen in der Corona-Krise keine Rücksicht nehmen muss. Das ist ethisch gesehen einfach nur: völlig daneben.

Boris Palmer nervt. Aus unerfindlichen Gründen hat sich der Oberbürgermeister Tübingens, der offiziell den Grünen angehört, einen Status als unterhaltsamer Tabubrecher erarbeitet, dessen Gedanken bundesweit Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man darf das nicht allein den Medien vorwerfen: Der Mann hat schon auch selbst das dringende Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Zum Medienstar wurde er im Herbst 2015, als er sich gegen die Flüchtlingspolitik der Grünen wandte. Seitdem spielt er die Rolle des grünen Rebellen, der sich traut, vermeintlich unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Regelmäßig meldet er sich mit Kommentaren zu Wort, die seine Partei schwer irritieren, zuletzt etwa über eine Werbekampagne der Bahn, die seiner Meinung nach zu viele Reisende unterschiedlicher Hautfarbe zeigte.

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Vor einigen Monaten hat er wieder ein Buch veröffentlicht. Es geht darum, dass sich die Politik stärker an Fakten orientieren sollte und weniger am Gutmenschentum. "Erst die Fakten, dann die Moral" lautet der Titel. Man würde sich wirklich wünschen, dass Palmer, der Geschichte und Mathematik auf Lehramt studiert hat, selbst nur noch über Fakten reden würde. Er aber gefällt sich wohl zu sehr in der Rolle des Provokateurs. Dazu gehört auch, eine Aussage in die Welt zu setzen und dann wieder abzuschwächen.

In einem Interview im Sat-1-Frühstücksfernsehen hat er am Dienstag eine Linie überschritten, obwohl er im Prinzip gesagt hat, was andere auch schon gesagt haben: dass der Shutdown anfangs richtig war, dass man die Maßnahmen aber jetzt abschwächen sollte. Genau diese Frage bestimmt ja die aktuelle politische Debatte: Wie kann man in dieser neuen Situation, in der die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt werden konnte, zwischen dem Gesundheitsschutz und anderen Interessen abwägen?

Palmer aber sagte in dem Interview außerdem: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung." Damit impliziert er, dass ausschließlich Menschen an Covid-19 sterben, deren Lebensuhr in sechs Monaten ohnehin abgelaufen wäre, was für einen Faktenfreund eine erstaunlich wenig faktenbasierte Aussage ist.

Er erweckt außerdem den Eindruck, dass die Verbote eigentlich schon immer überflüssig waren. Vor allem aber legt er nahe, dass man für alte und kranke Menschen keinen Aufwand betreiben müsse, nach dem Motto: Die sterben ja eh bald. Das ist ethisch gesehen einfach nur: völlig daneben.

© SZ.de/dit
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