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Österreich-Kolumne:Virus-Dynamik

The outbreak of the coronavirus disease (COVID-19), in Vienna

Kanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei einer Pressekonferenz in Wien zur Corona-Lage

(Foto: REUTERS)

Die Corona-Lage spitzt sich zu, neue Maßnahmen sollen an diesem Samstag verkündet werden. Was das für die Menschen bedeutet, wird bei zwei Anrufen in Vorarlberg deutlich.

Von Oliver Das Gupta

Bevor wir zu Vorarlberg kommen, ein paar Worte zur Corona-Lage in ganz Österreich: Nahezu alle Regionen wurden in den vergangenen Tagen zu Corona-Hochrisikogebieten, auf der vierfarbigen Corona-Ampel leuchtet mittlerweile die große Mehrheit der Bezirke rot. Für diesen Freitag meldeten Gesundheits- und Innenministerium 5.627 neue Fälle im Vergleich zum Vortag. In Deutschland, wo die Tendenz ebenfalls stark nach oben weist, aber die Zahlen noch nicht ganz so dramatisch sind, haben Bund und Länder am Mittwoch einen Teil-Lockdown beschlossen. In Österreich, wo seit Sonntag ohnehin einige neue bundesweite Einschränkungen gelten, will man nun ebenfalls nachschärfen. Lesen Sie hier den aktuellen Stand der Dinge.

Die türkis-grüne Bundesregierung, die im Frühjahr in Corona-Dingen forsch gestartet war, hat seitdem nicht gerade glorios agiert. Und auch bei dem, was da an Maßnahmen kommen wird, wird suboptimal kommuniziert. An diesem Donnerstag wurde etwa bei einer Corona-Pressekonferenz verkündet, dass es an diesem Samstag eine weitere Corona-Pressekonferenz geben werde. Ah ja. Und, so rauscht es durch österreichische Medien und Twitter-Kanäle, dann werden wohl Kanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober ähnliche Beschränkungen wie in Deutschland verkünden.

Und nun zu Vorarlberg. Einer der Bezirke, in dem es besonders viele infizierte Menschen gibt, ist Dornbirn. Dort lag der Inzidenzwert am Freitagmorgen bei 555,9 laborbestätigten Fällen pro 100.000 Einwohner - österreichweit ist das der dritthöchste Wert. "Eine unglaubliche Dynamik", sagt Kurt Fischer am Telefon. Fischer ist der Bürgermeister der Marktgemeinde Lustenau, die zum Bezirk Dornbirn gehört. Inzwischen kenne er viele Leute, die mit dem Virus infiziert oder erkrankt sind, und auch Menschen, die ihren Job verloren haben. 240 Lustenauer sind momentan "aktiv positive" Corona-Fälle, 24.000 Menschen leben in Lustenau, das nur der Rhein von der Schweiz trennt.

Kurt Fischer ist ein reflektierter Mann, promovierter Philosoph und Mitglied in der Kanzlerpartei ÖVP. Mit den Botschaften, die da aus dem fernen Wien ins "Ländle" dringen, ist er nicht zufrieden. "In der Schweiz wird viel transparenter kommuniziert", sagt er. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mache das besser. Durch Klarheit und Erklären würden die Menschen doch viel eher mitgenommen.

Ein zweiter Anruf in Vorarlberg, diesmal im Gästehaus Maria Grün in Frastanz, gleich an der Grenze zum Fürstentum Liechtenstein. Martina Wiederin, die mit ihrer Schwester die idyllisch gelegene Herberge betreibt, erzählt, dass die Pandemie eine "bodenlose Katastrophe" für den Betrieb bedeutet. Sie erzählt von den vielen Telefonaten, als kürzlich überraschend eine Reisewarnung für Vorarlberg verhängt wurde. "Es kamen Stornierungen über Stornierungen", sagt Wiederin, "innerhalb von drei Stunden war das Hotel leer." Normalerweise sei das Haus gut gebucht, gerade von Geschäftsreisenden, die beruflich im nahen Liechtenstein zu tun hätten oder einen Stopp vor ihrem Skiurlaub einlegten. Sie fürchtet, dass in der Zeit der Beschränkungen "Unternehmer auf der Strecke" bleiben.

Kurt Fischer macht sich auch Sorgen um die Auswirkungen der Corona-Krise. Er denkt vor allem an Kommunen in strukturschwächeren Gebieten, die finanziell ohnehin nicht so gut dastehen wie das prosperierende Lustenau. "Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung die Gemeinden nicht vergisst", sagt der Bürgermeister am Telefon.

Dann reden wir noch darüber, wie wir im September 2019 durch Lustenau und dann über die Felder geradelt sind, zur Eröffnung einer Brücke über einen Kanal. Es war ein schöner Tag. Heuer wird es nichts mehr mit einem Wiedersehen, aber für 2021 bin ich ziemlich optimistisch.

Diese Kolumne ist zuerst am 30. Oktober 2020 im Österreich-Newsletter erschienen.

© SZ vom 31.10.2020/mala
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