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Niederlande:Ein Experiment, das Tausende Leben kosten könnte

Anhänger des Prinzips "Herdenimmunität": Premier Mark Rutte (links) und sein wissenschaftlicher Berater Jaap van Dissel vom Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt.

(Foto: AFP)
  • Die Niederlande verfolgen einen anderen Ansatz zur Bekämpfung der Corona-Krise als die meisten anderen europäischen Staaten.
  • Die Regierung setzt auf die Idee der "Gruppenimmunität", wonach es sinnvoll sei, dass sich möglichst viele junge und gesunde Menschen infizieren, um so eine Art Immunitätsschutz für die Alten und Vorerkrankten zu bilden.
  • Die WHO hält den Ansatz für zu riskant. In den Niederlanden üben vor allem Politiker der Rechten Kritik.
  • Inzwischen hat die Regierung klargestellt, dass sie "Gruppenimmunität" nicht als Ziel verfolge, sondern diese nur eine absehbare Folge sein werde.

Viele Niederländer mögen sich in diesen Tagen wie unfreiwillige Teilnehmer eines hochriskanten Experiments fühlen. Denn ihre Regierung macht es bei der Bekämpfung des Coronavirus anders als die anderen. Sie hängt offiziell der Theorie der "Herden"- oder "Gruppenimmunität" an. Demnach soll sich der widerstandsfähige Teil der Bevölkerung möglichst umfassend anstecken, um dann eine Art "Schutzmauer" für die Alten und Schwachen zu bilden, die bis dahin so gut es geht isoliert werden. "Wir können die Ausbreitung des Virus verlangsamen und gleichzeitig eine kontrollierte Gruppenimmunität aufbauen", sagte Premier Mark Rutte am Montag in seiner Ansprache an die Nation. Wichtig sei dabei allerdings immer, die Kurve der Ansteckungen möglichst flach zu halten.

Das Konzept der Herdenimmunität stammt aus Großbritannien, Patrick Vallance, der wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, hat es energisch vertreten. Auch Premier Boris Johnson hing ihm zunächst an, ist nach massiver Kritik aber auf Distanz gegangen. Rutte hingegen stellt die Idee als herrschende wissenschaftliche Meinung dar, was allenfalls für den Kreis seiner Berater zutrifft. Als stärkster Befürworter gilt Jaap van Dissel, oberster Virologe am Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt. "Der Gedanke ist: Wir wollen das Virus kontrolliert unter jenen sich verbreiten lassen, die damit wenig Probleme haben", sagte van Dissel im Fernsehen.

Die konkrete Folge ist, dass die Niederlande zunächst laschere Maßnahmen verfügten als die Nachbarn und sich mehr oder weniger auf "nudging" beschränkten, also Appelle, etwa sich öfter die Hände zu waschen. Die Schulen sollten zunächst offen bleiben, doch den Plan musste die Regierung am Wochenende nach Kritik schnell fallenlassen. Inzwischen sind die Maßnahmen restriktiver und gehen ähnlich weit wie anderswo: Mehr als 100 Menschen sollen sich nicht versammeln, Bars und Restaurants haben geschlossen, auch Museen und viele Geschäfte. Das mag auch mit der internationalen Kritik zu tun haben.

Dass Genesene immun sind, ist noch nicht erwiesen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält den Ansatz für gefährlich. Zum einen beruht er auf der Annahme, dass infizierte Patienten nach der Genesung immun sind. Das ist noch nicht erwiesen. "Wir wissen nicht genug über die Logik dieses Virus", sagt WHO-Sprecherin Margaret Harris. Zum anderen könnte die Lage in den Krankenhäusern ohne gravierende Maßnahmen außer Kontrolle geraten. Die Niederlande haben derzeit etwas mehr als 1000 Intensivbetten bei einer Bevölkerung von 17 Millionen (Deutschland hat rund 28 000 Intensivbetten). Es könne zu "italienischen Zuständen" kommen, warnt Mikrobiologe Roel Coutinho. Für den Aufbau von Gruppenimmunität müssten mindestens 60 Prozent infiziert sein. Immunologen errechnen daraus die Zahl von 40 000 bis 80 000 niederländischen Corona-Toten.

Mit der Idee der Herdenimmunität will der Rechtsliberale Rutte monatelange Ausgangsbeschränkungen vermeiden, vor allem aber die wirtschaftlichen Kosten der Krise eindämmen. Das kommt gut an in einem Land, das wie Großbritannien eher utilitaristisch-pragmatisch denkt. Der Preis dafür, einige alte Menschen vor frühzeitigem Tod zu bewahren, sei außerordentlich hoch, sagte der Risiko-Experte Ira Helsloot in der Volkskrant: "In den Niederlanden gilt die Faustregel: Eine Investition von 60 000 Euro für ein gewonnenes gesundes Lebensjahr ist in Ordnung. Und wenn es teurer wird? Dann sind die Kosten größer als der Nutzen, einfach weil der Gesundheitszugewinn vergleichsweise gering ist."

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Das Problem ist auch politisch relevant. Denn während Vertreter anderer Parteien Rutte loben und es auch in den öffentlich-rechtlichen Medien und den großen Zeitungen überraschend ruhig bleibt, kommt ernsthafte Kritik nur von Rechtsaußen: in Gestalt des Islamkritikers Geert Wilders und des Nationalisten Thierry Baudet. "Wir müssen sofort aufhören mit der wahnsinnig schlechten Idee der Gruppenimmunität", twitterte Wilders am Mittwoch. "Sie führt zu vielen, vielen Kranken und Toten."

Auch Baudet ruft eindringlich zur Umkehr auf und sieht das Land in einer "Führungskrise". Allerdings hat es einen üblen Beigeschmack, wenn er - als überzeugter Leugner des Klimawandels, der wissenschaftliche Autorität sonst nach reinem Gutdünken zitiert - auf zweifelnde US-Experten und einen Artikel in der liberalen Washington Post verweist. Oder wenn er - als Ultranationalist, der den Austritt aus der EU fordert - warnt, "dass die Niederlande international isoliert sein könnten, weil wir uns als eines von wenigen Ländern vorab auf Gruppenimmunität festlegen und damit langfristig ein Brandherd bleiben".

Am Mittwoch sah sich Rutte zu einer Erklärung veranlasst. "Gruppenimmunität" sei nie das Ziel seiner Regierung gewesen, sagte er im Parlament. Sie könne langfristig aber die Folge sein. Auf keinen Fall wolle man erreichen, dass sich die Menschen ansteckten. Vielmehr wolle man dafür sorgen, "dass die Intensivpflege in der Lage ist, mit der Zahl der Kranken zurechtzukommen, dass Ältere und Verletzliche beschützt werden".

© SZ vom 19.03.2020/kit
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