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Corona-Krise:Masken, was für Masken?

Schutz vor Coronavirus in Uniklinik Essen

Nich nur das Personal von Infektionsstationen wie hier in der Uniklinik Essen braucht ausreichend Schutzkleidung. Auch Hausärzte und Pflegekräfte müssen sich und andere durch Masken und anderes Material vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen.

(Foto: dpa)

Der Nationale Pandemieplan sieht für Deutschland eigentlich den Einkauf und die Lagerung von medizinischer Ausrüstung vor. Doch hier ist zu wenig passiert.

"Wir haben nix und wir kriegen nix." Berthold Dietsche ist zurzeit nicht gut zu sprechen auf die Behörden. "Wir arbeiten bis zum Anschlag, und wir haben keine Schutzausrüstung. Das ist skandalös", sagt der Hausarzt. Pro Patient braucht er eigentlich einen Schutzanzug und eine Maske. Aber seit Wochen werde nichts geliefert. "Unsere Kassenärztliche Vereinigung versucht, Restbestände zu verteilen, aber das reicht vielleicht für zwei Tage. Die Preise sind astronomisch. Und von den Gesundheitsämtern kommt gar nichts."

Als Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg gehört Dietsche zu der Berufsgruppe, bei der Patienten mit Corona-Verdacht sich zuerst melden sollen. "Man hätte diesen Mangel verhindern können. Aber es wurde keine Bevorratung geplant, und jetzt stehen wir im Regen." Frühzeitig im Januar, findet Dietsche, hätte Schutzkleidung in großen Mengen bestellt werden müssen. Oder noch besser: lange vor dem Ausbruch der Pandemie.

Seit 2005 ist vorgeschrieben, genügend Ausrüstung für eine mögliche Pandemie anzuschaffen

Das wäre keine Hellseherei gewesen, denn so steht es im Nationalen Pandemieplan, den das Robert-Koch-Institut 2005 im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums erstellt und schon zweimal aktualisiert hat. Zur Planung für eine mögliche Pandemie gehört demnach "ggf. Reservierung, Einkauf, Lagerung von Medikamenten, Impfstoffen, Materialien". Konkret verweist der Pandemieplan auf einen Beschluss des Ausschusses für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), in dem der Arbeitsschutz für Beschäftigte im Gesundheitswesen genau aufgelistet ist.

Für den Fall einer Influenzapandemie sollten demnach vorgesehen werden: Einfacher Mund-Nasen-Schutz für infektionsverdächtige Patienten, Untersuchungshandschuhe, Händedesinfektionsmittel (fünf Milliliter pro Vorgang), FFP2-Atemschutzmasken für das medizinische Personal - mindestens eine pro Person und Schicht, dazu Schutzbrillen und mindestens zwei Schutzkittel pro Mitarbeiter und Woche.

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Eindeutig steht in dem Beschlussdokument vom Juni 2012, dass benötigte Materialien rechtzeitig vor Eintreten des Pandemiefalls bevorratet werden müssen. "Das wurde nicht umgesetzt. Punkt", klagt Peter Schwörer, Facharzt für Allgemeinmedizin und ehemaliger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Südbaden. Es gebe im Gesundheitssystem eine Überversorgung im Wahlbereich, aber Mängel an der Basis. "Wir haben sozusagen goldene Wasserhähne, aber keine Seife", sagt Schwörer.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) geht "angesichts der versprochenen Großlieferungen und der Ausweitung bzw. Wiederaufnahme der Produktion in vielen Fabriken von einer Entspannung der Lage aus". Konkrete Zahlen hat die DKG jedoch nicht. Aus dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) heißt es, Fragen zur Bevorratung von Schutzausrüstung in Krankenhäusern seien "an die zuständigen Landesbehörden zu richten". Was konkret geliefert werden kann, ist ungewiss.

"Ein entsprechender deutscher Beschaffungsvorgang", so heißt es im BMG, dauere an, unterstützt vom Beschaffungsamt des Bundesverteidigungsministeriums und der Generalzolldirektion. Länder, Krankenhäuser und Arztpraxen sollten jedoch "auch weiterhin selbst Schutzausrüstung beschaffen".

© SZ vom 30.03.2020
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