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Coronavirus in Italien:Mailand muss durchhalten

Coronavirus - Italien

Bewohner eines Hauses halten ein Transparent mit der Aufschrift '"Alles wird gut werden" aus dem Fenster.

(Foto: Claudio Furlan/dpa)
  • Ärzte aus China und aus dem Süden Italiens reisen nach Norditalien, um dort zu helfen, wo das Coronavirus die schlimmsten Auswirkungen zeigt.
  • Besonders groß ist die Sorge um die Stadt Mailand mit ihren drei Millionen Einwohnern.
  • Um dort die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, wird das öffentliche Leben weiter heruntergefahren.

Es ist ein bisschen wie nach einer Naturkatastrophe in einem fernen, armen Land. Im Norden Italiens kommen nun im Stundentakt Hilfsequipen aus aller Welt an. Sie sollen die italienischen Ärzte und Pfleger entlasten, die seit Wochen durcharbeiten, Schichten um Schichten, in einem Wettlauf gegen das schnelle, aggressive Virus. Oftmals ohnmächtig.

Bereits gelandet sind Dutzende Ärzte des chinesischen Roten Kreuzes. Sie werden in Bergamo eingesetzt, jener Stadt im Krisengebiet, die mit ihren tragischen Geschichten und Bildern den Italienern das Herz zerreißt. Vor den Toren Bergamos wird eine Seilnetzkonstruktion hochgezogen, ein Großzelt für hunderte Krankenbetten, es sollte den Mangel an Behandlungsplätzen fürs Erste etwas lindern. In Crema bei Mailand werden unterdessen mehr als 50 kubanische Helfer erwartet, die im Kampf gegen Ebola geschult worden sind und jetzt in einem Feldhospital der Armee gebraucht werden. Im benachbarten Cremona hat eine evangelische Hilfsorganisation aus den USA eine Struktur aufgestellt, fast alles in Eigenregie. Auch in Piacenza ist eine Feldklinik im Bau. Und auf dem Messegelände in Mailand entsteht mit Spendengeld eine Einrichtung mit 500 Betten.

Damit es dann in den Ad-hoc-Krankenhäusern auch genug Personal gibt für halbintensive und intensive Behandlung der Infizierten, reisen nun auch Hunderte Ärzte aus anderen Regionen Italiens in den Norden. Die Regierung beschloss, Medizinstudenten mit Abschluss vom Staatsexamen zu dispensieren, damit sie sofort einsetzbar sind. So kommen theoretisch 10 000 neue Ärzte dazu, über Nacht. Weitere 20 000 Mediziner und Pfleger werden gerade in einer großen Welle unter Arbeitslosen und Pensionierten rekrutiert. Dafür hat Rom einige Milliarden Euro aus dem ersten Hilfspaket auf die Seite gelegt.

Alles dient dazu, die Dämme zu festigen. Besonders groß ist die Sorge um den Schutzdamm, der Mailand und seine Provinz bisher einigermaßen bewahrte. In der wirtschaftlich für das Land so wichtigen Metropolregion leben drei Millionen Menschen. Noch liegen die offiziellen Fallzahlen unter jenen der umliegenden Provinzen, vor allem Bergamo, Brescia, Lodi, Piacenza. Doch sie stiegen stark - auf 3804. Medien reden von der "Schlacht um Mailand". La Repubblica titelte am Freitag über ihre erste Seite: "Halte durch, Mailand." Insgesamt gab es in Italien bis Freitagabend 627 weitere Todesopfer in 24 Stunden, so viele wie noch nie.

EU-Ratschef Charles Michel schrieb Präsident Sergio Mattarella einen Brief, in dem es hieß: "Wir beobachten mit Emotion und Respekt die Vorreiterrolle der italienischen Behörden bei der Bewältigung der Krise." Zur Eindämmung schließt Italien von diesem Samstag an alle Parks und öffentlichen Gärten. Zudem werden Spiele und Sport im Freien untersagt. "Wir müssen noch mehr tun, um die Ansteckung einzudämmen", erklärte Gesundheitsminister Roberto Speranza. Massimo Galli, Oberarzt im Mailänder Krankenhaus "Sacco" und einer der wichtigsten Virologen im Land, sagt, in Mailand gebe es sehr viel mehr Infizierte als die Statistiken auswiesen. "Ich sehe auch noch viel zu viele Leute auf der Straße mit nichtigen Gründen", sagte er.

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Bleibt die Disziplin der Bürger auch, wenn die Maßnahmen noch strenger werden?

Auch in Mailand ist das öffentliche Leben heruntergefahren. Die U-Bahn registrierte einen Rückgang der Passagiere um 90 Prozent. Nur zur Stoßzeit zwischen sechs und sieben Uhr früh sind die Wagen besetzt - doch selbst dann um 70 Prozent weniger als in normalen Zeiten. Mit einem Trackingsystem für Handys fand die Stadt heraus, dass sich an Werktagen 40 Prozent der Mailänder draußen aufhalten, mindestens eine Handyantenne entfernt von zu Hause. Zieht man die ungefähr 30 Prozent ab, die in Ämtern, Supermärkten, Apotheken, Banken, Fabriken und Verteilzentren arbeiten, bleiben zehn Prozent, die zum Teil ohne triftigen Grund ihr Haus verlassen. Nicht sehr viel, doch die Zahl alarmiert die Behörden.

Der Gouverneur der Lombardei, Attilio Fontana von der Lega, warnt ständig, und da er nun mit Schutzmaske in die Mikrofone spricht, ist das eindrücklich. "Wir riskieren, dass wir bald nicht mehr alle Kranken behandeln können." Auch die eingeflogenen Freunde vom chinesischen Roten Kreuz hätten darauf hingewiesen, dass die Mailänder sich nicht gebührend an die Verordnungen hielten. Geschlossen werden sollen alle unnötigen Baustellen, öffentliche Ämter, Anwaltskanzleien, die Tabak- und Parfümläden. Für Lebensmittelläden verlangt er kürzere Öffnungszeiten, vor allem am Wochenende. Manche Italiener gehen nun nämlich ständig einkaufen. Premier Giuseppe Conte zögert noch, die Bürgerrechte weiter einzuschränken. Man fragt sich in der Regierung, ob die Gefahr dann wachse, dass Italiener in großer Zahl die Geduld verlieren und ihre bisherige Disziplin ablegen.

© SZ vom 21.03.2020/fued
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