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Corona-Infektionswege:Der große Trugschluss Sicherheit

Coronavirus: Klebeband für Abstandsregel in einem Hotel

Die Öffnung von Restaurants und öffentlichen Einrichtungen führt zuweilen zu bedenklicher Normalität während der Corona-Pandemie.

(Foto: Ronny Hartmann/dpa)

Dieses Virus hält sich nicht an Statistiken und Spielregeln. Wenn das öffentliche Leben wieder in Gang kommt, wird es weitere Ausbrüche geben. Wir nehmen das in Kauf - auch, weil es oft gut geht.

Kommentar von Christina Kunkel

Man bekommt es nur schwer zusammen, wenn an einem Wochenende Dutzende Neuinfektionen aus einem Restaurant und einer Kirche gemeldet werden und zugleich erste Bundesländer überlegen, Einschränkungen weitgehend aufzuheben. Es ist auch schwer zu verstehen, wenn wissenschaftliche Arbeiten wie jene des Virologen Christian Drosten öffentlich zerpflückt werden, ohne Zusammenhänge und Hintergründe zu erläutern. Dabei müsste in der Corona-Krise über allem die Prämisse stehen: Wer einfache Antworten auf dieses Virus gibt, der liegt grundsätzlich daneben.

Diese Seuche hält sich nicht an Spielregeln, die Experten oder jeder Einzelne mit seiner höchstpersönlichen Risikoabwägung zu bestimmen glauben. In der Wissenschaft ist das den allermeisten klar. Forschung ist nichts Abgeschlossenes, Endliches, sondern etwas, das immer neue Erkenntnisse bringt. Es wird diskutiert und kritisiert, und es ist jederzeit legitim zu sagen: Bestimmte Dinge wissen wir einfach (noch) nicht.

Genau mit dieser Einstellung sollte jeder Einzelne sein Leben für die nächsten Monate gestalten, anstatt fassungslos auf das zu schauen, was gerade in einem niedersächsischen Restaurant oder einer Frankfurter Kirche passiert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Geschehen dort nicht überraschend: Ansteckungsketten in solchen Situationen wurden in Studien aus China und den USA beschrieben. Wen es erstaunt, dass am Ende eines Abends mit mehreren Menschen in einem geschlossenen Raum plötzlich Dutzende Corona-Infektionen stehen, hat die Dynamik einer Pandemie nicht verstanden.

Es ist zu früh, um nun über geänderte Verhaltensregeln nachzudenken, über einen größeren Mindestabstand in Restaurants als 1,5 Meter. Das Trügerische in dieser Situation ist gerade die Annahme, wenn man sich an bestimmte Regeln und Zahlen halte, könne nichts passieren. Im niedersächsischen Kreis Leer kam von Seiten der Lokalpolitik der Reflex, man habe doch seit Tagen keine Neuinfektion im ganzen Landkreis gehabt. Huch, wo kommt das Virus auf einmal her? Die einfache Antwort ist wohl: Es war nie weg.

Problematisch sind nicht nur die wenigen Fälle, bei denen etwas passiert, sondern auch die, bei denen alles gut geht. Das lässt sich leicht erklären, wenn man sich anschaut, wie die erste große Infektionskette beim bayerischen Zulieferer Webasto entstanden ist. Wissenschaftler haben rekonstruiert, wie dort die Ansteckungen gelaufen sind: In einem Fall war es höchstwahrscheinlich das Reichen eines Salzstreuers an den Nebentisch, bei dem sich ein Kollege infizierte. Dagegen haben sich in den Familien der Betroffenen längst nicht alle angesteckt, obwohl man dort sicher engeren Kontakt hatte.

Genauso wird es auch in Zukunft unzählige Restaurantbesuche, private und dienstliche Zusammenkünfte, in Bayern bald auch wieder Kino- und Theaterabende geben, bei denen das Virus im Körper eines Menschen schlummert, aber nicht weitergegeben wird. Kinder werden in Schulen und Kitas gehen, im Bus sitzen und Geburtstage feiern. Und es wird meistens gut gehen. Für das Sicherheits- und Wohlbefinden mag das wichtig sein, doch es wird auch weiter Ansteckungen geben, vermutlich auch große Ausbrüche mit vielen Infizierten. Dann wird es darum gehen, ehrlich zu sein: Wir haben das in Kauf genommen.

© SZ vom 27.05.2020/bix
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