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Coronavirus in Deutschland:Verlangen nach Ende der Beschränkungen steigt

Coronavirus - Scharbeutz

Fern der Großstadt und abseits der Pandemie: Menschen suchten am Wochenende Entspannung am Strand von Scharbeutz in Schleswig-Holstein.

(Foto: Gregor Fischer/dpa)

Die Pandemie ist längst nicht gebannt. Dennoch macht sich nur noch ein Viertel der Bevölkerung große Sorgen. Zahlreiche Bundesländer lockern ihre Maßnahmen.

Von Patrick Illinger

Obwohl sich erstmals seit Wochen wieder eine Zunahme der Neuinfektionen abzeichnet, drängt die Mehrheit der Menschen in Deutschland auf eine Lockerung der Corona-Maßnahmen. Große oder sehr große Sorge vor einer Ansteckung macht sich einer Umfrage des Instituts Infratest-Dimap zufolge nur noch ein Viertel der Bevölkerung. Eine Mehrheit befürwortet zwar die Maßnahmen der vergangenen Wochen, doch 54 Prozent der Menschen wollen nun auch deutliche Lockerungen.

Tatsächlich heben zahlreiche Bundesländer von diesem Montag an viele Beschränkungen auf. Gläubige in Teilen Deutschlands haben am Wochenende erstmals seit Mitte März wieder Gottesdienste in ihrer Kirche gefeiert - allerdings mit Abstandsregeln.

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Im stark von der Pandemie betroffenen Bayern sollen Handel und Dienstleister wie Fahrschulen unter Auflagen starten. Zoos, Museen und Galerien dürfen wieder öffnen, Tagesmütter wieder die Betreuung von maximal fünf Kindern aufnehmen. Schüler, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen, und Viertklässler dürfen zurück in die Schulen. Bis Mitte Juni sollen alle anderen folgen, wenn es das Infektionsgeschehen zulasse, erklärte Kultusminister Michael Piazolo. Mehr Individualsportarten werden erlaubt.

Aus Sicht der Wissenschaft hat sich an der generellen Bedrohungslage allerdings wenig geändert. Die Ansteckungsrate in Deutschland stieg nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Sonntag den zweiten Tag in Folge über den kritischen Wert von 1. Auch wenn dieser R-Wert eine statistische Unsicherheit enthält, ist er ein Indikator dafür, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt. Auch andere Quellen sprechen für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Aus Daten von Konzernen wie Google oder Apple ergibt, dass die individuelle Mobilität in Deutschland in jüngster Zeit wieder deutlich zunimmt und fast das Niveau von vor den Beschränkungen erreicht hat.

Masken nutzen fast 80 Prozent der Menschen

Aus einer Studie der Universität Mannheim geht hervor, dass die Menschen in Deutschland zwar Veranstaltungen mit mehr als hundert Personen weiterhin ablehnen. Doch bereits die Schließung öffentlicher Einrichtungen wie Museen findet keine Mehrheit mehr. Für eine weitreichende Ausgangssperre votieren nur noch wenige Prozent der Bevölkerung.

Auch die Schließung der Grenzen zu Nachbarländern gerät in die Kritik. Wie andere Länderchefs verlangt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich zu öffnen. Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warnt davor, den Binnenmarkt zu gefährden.

Am Wochenende kam es in deutschen Großstädten zu teils ungenehmigten und aggressiven Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen. Zu einer mit ursprünglich 80 Teilnehmern geplanten Veranstaltung in München kamen 3000 Menschen. Unter Protestierer vor dem Berliner Reichstag mischten sich Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten.

Mehrere untersagte Versammlungen fanden in Dortmund statt, bei einer wurde ein Presseteam angegriffen, ein Journalist verletzt.

Laut einem Monitoring, das die Universität Erfurt gemeinsam mit weiteren Instituten durchführt, hat die Akzeptanz der Ausgangsbeschränkungen in der vergangenen Woche deutlich abgenommen. Masken nutzen fast 80 Prozent der Menschen, doch andere Maßnahmen wie Händewaschen werden lockerer gesehen. Die Forschergruppe hat einen deutlichen Unterschied zwischen objektiver und gefühlter Bedrohung festgestellt: Viele Menschen wissen um die Gefahren der Pandemie, verspüren aber wenig Furcht.

Daran ändert auch das vereinzelte Aufflammen von Infektionen wenig. Nach einem Ausbruch in einer Fleischfabrik in Coesfeld ist die Zahl der Neuinfektionen in dem Kreis weiterhin deutlich erhöht. Laut einer Übersicht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Sonntag lag der Wert bei rund 85 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern und Woche.

Wie schnell die scheinbar eingedämmte Pandemie wieder losbrechen kann, zeigte sich jüngst in Südkorea. Nach Lockerung von Sperrmaßnahmen kam es unter Seouler Club-Besuchern zu einem Ausbruch mit 26 Corona-Infektionen. Der Bürgermeister von Seoul ordnete am Samstag die Schließung aller 2100 Nachtclubs, Hostessenbars und Discos in der Hauptstadt an.

© SZ vom 11.05.2020

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