Süddeutsche Zeitung

Corona in Lateinamerika:Vielleicht am Virus sterben - oder ganz sicher am Hunger

In Lateinamerika explodiert die Zahl der Corona-Infizierten - und zwar selbst in Ländern mit strengen Ausgangssperren. Denn viele Menschen können sich eine Quarantäne schlicht nicht leisten.

Kommentar von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es ist noch gar nicht lange her, da blickten die Menschen in Lateinamerika mit Schrecken auf die Tragödie, die damals Europa überrollte. In der Alten Welt tobte das Virus, Tausende starben, Bilder von weinenden Ärzten in Bergamo oder Madrid flackerten in Buenos Aires und Medellín über die Bildschirme. In Lateinamerika selbst waren die Fallzahlen zu diesem Zeitpunkt noch gering, die Grenzen offen, die Straßen voll. Längst aber hat sich die Lage geändert: In Europa kehrt langsam die neue Normalität ein, in Lateinamerika aber explodieren nun die Fallzahlen.

Weit mehr als eine halbe Million Infektionen wurden in der Region schon offiziell registriert, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein und der Höhepunkt noch weit entfernt. Schon jetzt sind in einigen Ländern die Gesundheitssysteme zusammengebrochen, es gibt keine Betten in den Notaufnahmen mehr, teilweise werden Särge knapp. Tote müssen in Massengräbern bestattet werden, Hilfsorganisationen befürchten eine Katastrophe, und immer drängender wird die Frage: Wie konnte es nur so weit kommen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Die Politik ist schuld. Das ist nicht unbedingt falsch, aber eben nur ein Teil der Wahrheit.

Drei Monate ist es nun her, seit Ende Februar offiziell der erste Patient mit Covid-19 in Lateinamerika diagnostiziert wurde. Es war ein 61 Jahre alter Mann aus São Paulo. Mittlerweile ist die Zahl der Infektionen allein in Brasilien auf weit mehr als 300 000 gestiegen, mehr Erkrankungen gibt es weltweit überhaupt nur noch in den USA.

Dennoch hat die Regierung immer noch keine landesweite Quarantäne verhängt, im Gegenteil: Präsident Jair Bolsonaro wiegelt ab. Er wettert gegen Isolationsmaßnahmen, und mitten in der Pandemie versinkt das brasilianische Gesundheitsministerium dazu auch noch im Chaos: Ein Minister wurde gefeuert, der andere schmiss hin, nun hat kommissarisch ein Mann aus dem Militär die Leitung übernommen, ohne medizinische Ausbildung oder mit nur rudimentärer Erfahrung in der Gesundheitspolitik.

Viele Brasilianer protestieren mittlerweile gegen den Präsidenten. Auf dem Balkon oder vor dem offenen Fenster schlagen sie wütend auf Pfannen und Töpfe. Selbst konservative Zeitungen fordern Bolsonaros Rücktritt und die Opposition eine Amtsenthebung. Ist er erst einmal weg, wird alles gut, so lautet die Hoffnung. Aber sie trügt. Wäre Politik das einzige Problem, dann wäre die Situation zum Beispiel in Peru nicht so, wie sie jetzt ist.

Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen

Brasiliens westlicher Nachbar hatte schon früh eine strenge und landesweite Ausgangssperre verhängt. Die Fallzahlen hätten also sinken müssen, stattdessen aber explodierten sie auch hier. 115 000 Infektionen gibt es trotz Quarantäne heute in Peru, der zweithöchste Wert der gesamten Region und auf die Einwohner umgerechnet mehr als doppelt so viele Infizierte wie in Brasilien. Und Peru ist bei Weitem kein Einzellfall: So handelten auch die Regierungen von Ecuador, Chile, Kolumbien, Argentinien oder Bolivien vergleichsweise schnell und entschlossen.

Die Leute sollten zu Hause bleiben - allerdings, und das ist das Problem, taten dies viele nicht. Nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil sie es nicht konnten. Weil sie als fliegende Händler arbeiten oder am Straßenrand Grillfleisch verkaufen. Weil sie schwarz auf dem Bau schuften oder Wohnungen putzen. Sie haben keinen Arbeitsvertrag, keine Absicherung, keine Lohnfortzahlung.

Informelle Arbeit nennen Experten diese Jobs ohne Absicherung und Verträge. In vielen Ländern Lateinamerikas sind sie nicht nur verbreitet, sondern sogar die Regel. Schon vor Corona war das ein Problem, zusammen mit dem Virus entstand nun aber eine buchstäblich tödliche Mischung. Denn die Menschen aus dem informellen Sektor können sich eine Quarantäne einfach nicht leisten. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen.

Dass ausgerechnet Peru so hart von dem Virus getroffen wird, ist deswegen nur logisch, schließlich arbeiten hier besonders viele Menschen ohne Arbeitsvertrag: laut Zahlen der Vereinten Nationen fast 70 Prozent. In Ecuador sind die Zahlen ähnlich hoch, ebenso in Mexiko, Kolumbien, Argentinien oder eben auch in Brasilien.

Fast die Hälfte der Erwerbstätigen verfügt hier nur über eine informelle Beschäftigung. 600 Real Nothilfe hat die Regierung versprochen, umgerechnet 100 Euro, zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ähnliches passiert auch in anderen Ländern der Region.

Sicher: Es hilft nicht, dass Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro den Leuten sagt, sie bräuchten keine Angst vor dem Virus zu haben. Sicher ist aber auch, dass die Menschen so oder so wieder arbeiten gehen würden. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Am Ende müssen sie sich entscheiden, ob sie vielleicht am Virus sterben wollen - oder ganz sicher an Hunger. Und solange diese Frage nicht gelöst ist, sind alle Mühen im Kampf gegen das Virus in Lateinamerika umsonst.

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Quelle:
SZ vom 25.05.2020/gal
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