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Corona in Lateinamerika:Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen

Brasiliens westlicher Nachbar hatte schon früh eine strenge und landesweite Ausgangssperre verhängt. Die Fallzahlen hätten also sinken müssen, stattdessen aber explodierten sie auch hier. 115 000 Infektionen gibt es trotz Quarantäne heute in Peru, der zweithöchste Wert der gesamten Region und auf die Einwohner umgerechnet mehr als doppelt so viele Infizierte wie in Brasilien. Und Peru ist bei Weitem kein Einzellfall: So handelten auch die Regierungen von Ecuador, Chile, Kolumbien, Argentinien oder Bolivien vergleichsweise schnell und entschlossen.

Die Leute sollten zu Hause bleiben - allerdings, und das ist das Problem, taten dies viele nicht. Nicht weil sie es nicht wollten, sondern weil sie es nicht konnten. Weil sie als fliegende Händler arbeiten oder am Straßenrand Grillfleisch verkaufen. Weil sie schwarz auf dem Bau schuften oder Wohnungen putzen. Sie haben keinen Arbeitsvertrag, keine Absicherung, keine Lohnfortzahlung.

Informelle Arbeit nennen Experten diese Jobs ohne Absicherung und Verträge. In vielen Ländern Lateinamerikas sind sie nicht nur verbreitet, sondern sogar die Regel. Schon vor Corona war das ein Problem, zusammen mit dem Virus entstand nun aber eine buchstäblich tödliche Mischung. Denn die Menschen aus dem informellen Sektor können sich eine Quarantäne einfach nicht leisten. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld kein Essen.

Dass ausgerechnet Peru so hart von dem Virus getroffen wird, ist deswegen nur logisch, schließlich arbeiten hier besonders viele Menschen ohne Arbeitsvertrag: laut Zahlen der Vereinten Nationen fast 70 Prozent. In Ecuador sind die Zahlen ähnlich hoch, ebenso in Mexiko, Kolumbien, Argentinien oder eben auch in Brasilien.

Fast die Hälfte der Erwerbstätigen verfügt hier nur über eine informelle Beschäftigung. 600 Real Nothilfe hat die Regierung versprochen, umgerechnet 100 Euro, zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ähnliches passiert auch in anderen Ländern der Region.

Sicher: Es hilft nicht, dass Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro den Leuten sagt, sie bräuchten keine Angst vor dem Virus zu haben. Sicher ist aber auch, dass die Menschen so oder so wieder arbeiten gehen würden. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Am Ende müssen sie sich entscheiden, ob sie vielleicht am Virus sterben wollen - oder ganz sicher an Hunger. Und solange diese Frage nicht gelöst ist, sind alle Mühen im Kampf gegen das Virus in Lateinamerika umsonst.

© SZ vom 25.05.2020/gal
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