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Podcast-Spezial zur Corona-Krise:Acht Wochen in Deutschland

Promis machen Mut - Maly Dreyer

Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, erinnert sich im SZ-Podcast an die turbulenten Wochen der Corona-Krise. (Archivbild von 2019)

(Foto: dpa)

Schlaflose Nächte, Machtspiele in der Partei, "Politik im Zeitraffer": In drei Extra-Folgen des SZ-Podcasts "Auf den Punkt" geben Annegret Kramp-Karrenbauer, Malu Dreyer, Lars Klingbeil und Florian Herrmann Einblick in ihren Kampf gegen Corona.

Von Jean-Marie Magro

Florian Herrmann ist jemand, der gern ausspricht, was ihm durch den Kopf geht. Der Chef der Staatskanzlei in München ist ein enger Vertrauter des Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und leitet seit Ende Februar den bayerischen Coronavirus-Krisenstab. Auf seinem Sofatisch liegen Bücher, vor allem zu China. Gelesen habe er zuletzt jedoch ein Buch über Epidemiologie. "Eins von dieser gelben Serie 'Für Dummies'. Diese einfachen, wissen's?" Herrmann will verstehen, was ihm die Berater empfehlen. Als gelernter Jurist hat er sich nie mit Doppelblind-, Querschnitt- und Kohortenstudien oder Reproduktionszeiten beschäftigt. Nun rechnet er selbst Verdopplungszeiten aus.

Herrmann hat in den vergangenen Wochen alle Stadien der Krisenbekämpfung durchlebt, sich zweimal große Sorgen gemacht: als er hörte, dass im Elsass Menschen älter als 80 Jahre nur noch palliativ behandelt würden. Und als sein Schwager, Oberarzt im Münchner Klinikum Rechts der Isar, berichtete, in der Hochphase der Pandemie eine Triageschulung erhalten zu haben. "Das nötigt einem schon Respekt vor der Aufgabe ab", sagt Herrmann.

Florian Herrmann ist einer von vier Politikern, die sich bereit erklärt haben, während der Corona-Krise immer wieder mit der Süddeutschen Zeitung zu sprechen. Darüber, wie sie die wohl größte Herausforderung seit der Gründung der Bundesrepublik erleben. Entstanden ist daraus eine Chronologie der ersten acht Wochen der Pandemie. Im dreiteiligen Nachrichtenpodcast "Auf den Punkt" geben auch Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Lars Klingbeil und Malu Dreyer (beide SPD) persönliche Einblicke.

Am 20. März verkündet Markus Söder die Ausgangsbeschränkung in Bayern. Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten tragen so viel Verantwortung wie noch selten in ihrer politischen Karriere. Sie müssen entscheiden, ob Gaststätten und Hotels noch öffnen, Kinder noch in Kita oder Schule oder Erwachsene ihre Eltern im Altenheim besuchen dürfen.

Das Robert-Koch-Institut informiert nun täglich in Pressekonferenzen. Beraterstäbe werden aufgestellt: "Ehrlich gesagt kann ich mich auch nicht daran erinnern", sagt Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, auf die Frage, ob sie sich je zuvor von einem Virologen habe beraten lassen. Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär, begann zur Hochzeit der Epidemie, den NDR-Podcast des Virologen Christian Drosten zu hören. Er berichtet von gestandenen Unternehmern und Gewerkschaftern, die sich unter Tränen bei ihm melden. "Das geht nicht spurlos an einem vorbei." An Ostern dann ist ihm die Erschöpfung auch anzuhören. "Ich bin sehr müde, bin kaputt." Würde es ihn freuen, wenn die Menschen um 19 Uhr auch mal für die Politiker applaudieren würden? "Wir haben keinen Beruf, für den man klatscht. Es ist mir bewusst, seitdem ich Politik mache, dass es niemals der Beruf sein wird, der irgendwie die Herzen der Menschen erreicht."

"Was passiert hier gerade gesellschaftlich", fragt sich der SPD-Generalsekretär

Nach Ostern wollen Bund und Länder die Lage neu bewerten, zum ersten Mal Maßnahmen zurücknehmen. Für Annegret Kramp-Karrenbauer ist es eine besondere Situation. Die CDU-Vorsitzende hatte ihren Rückzug angekündigt und muss ihre Partei nun einige Monate länger führen als gedacht. Als potenzielle Kanzlerkandidatin habe sie besonders im Fokus gestanden, sagt sie, nun sei da mehr Ruhe und Spielraum. "Ich empfinde das im Moment als etwas Positives." Wenn sie sich überhaupt über irgendwas ärgere, sagt Kramp-Karrenbauer, dann darüber, dass "vermeintliche" Machtkämpfe zwischen Ministerpräsidenten hochstilisiert würden. "Also ich hatte den Eindruck, wir hatten in den letzten Wochen Wichtigeres zu tun." Kramp-Karrenbauer steht als Verteidigungsministerin vor schwierigen Aufgaben. Sie muss sich um Amtshilfeanträge kümmern. Wo kann die Bundeswehr Ressourcen, sei es medizinisches Personal oder etwa ein Beatmungsgerät, entbehren? An anderen Tagen meldet sich der italienische Amtskollege und bedankt sich dafür, dass Deutschland sechs Patienten aufgenommen hat. Momente, in denen sich Kramp-Karrenbauer "fast dafür schämt", weil es doch ein so kleiner Beitrag sei. Besuch bei Lars Klingbeil im Bundestag. Er berichtet von einer Bekannten aus dem medizinischen Bereich, eine reflektierte Person, die politisch denke. Die habe nun angekündigt, die Gruppe Widerstand 2020 zu unterstützen, weil "es nicht mehr ginge, was wir da in Berlin machen". "Wie kann man sich jetzt so einer Verschwörungstheoretiker-Truppe anschließen?", fragt Klingbeil. "Das ist etwas, was mich schon beschäftigt hat, weil ich mich natürlich frage: Was passiert hier gerade gesellschaftlich?"

Anfang Mai nehmen die sogenannten Hygiene-Demos zu. Tausende demonstrieren in den Großstädten gegen die Corona-Maßnahmen. Auch in München. Wenn man ihn darauf anspricht, sagt Staatskanzleichef Florian Herrmann: "Na ja, es gibt halt Leute, die ihren eigenen Vogel für den Heiligen Geist halten."

Annegret Kramp-Karrenbauer formuliert zurückhaltender. Natürlich dürfe jeder demonstrieren, der sich nicht impfen lassen wolle. Aber sie wisse nicht, wie sie mit jemandem diskutieren solle, der die Erde für eine Scheibe hält. "Ich frag mich immer, wo wir doch noch mehr und noch offener kommunizieren sollten", sagt Kramp-Karrenbauer. Sie habe sogar den Eindruck, dass manche irrational erscheinenden Ängste daher kommen, dass man in den letzten Wochen so viel und so vielstimmig kommuniziert habe.

Dreyer berichtet, wie sie wochenlang ihre Enkel nicht sehen konnte

Malu Dreyer nennt diese Phase "Politik im Zeitraffer". Es werde oft vergessen, dass die beschlossenen Einschränkungen auch für die gelten, die sie beschließen. Auch Dreyer konnte wochenlang ihre Enkel und ihre Mutter nicht sehen. Lars Klingbeil erinnert sich an eine E-Mail. Eine Frau habe ihm darin von ihrem Vater berichtet, der im Pflegeheim lebt. Er habe vielleicht noch ein Jahr zu leben und wünsche sich nur noch, seine Enkel zu sehen. "Das ist schwierig als Bundestagsabgeordneter zu sagen, da gibt es jetzt dieses eine Argument, was dagegen steht." Für vieles habe man ein individuelles Verständnis. "Aber wir sind als Politiker für das Ganze verantwortlich."

Gesundheitsminister Jens Spahn sagte schon Ende April, man werde sich nach dieser Krise vieles verzeihen müssen. Und doch - das ist Annegret Kramp-Karrenbauer wichtig - viele der Neuerungen könnten Deutschland zum Positiven verändern. "Das hat sich niemand gewünscht, aber wir haben in gewissen Bereichen eine Disruption", sagt sie. Konferenzen, für die nicht mehr um die Welt gejettet werden müsse oder auch Innovationen in der Automobilindustrie. "Das gibt uns eine Chance, Dinge zu verändern und nach vorne zu entwickeln. Wir sollten den Mut haben, das auch zu tun."

© SZ vom 02.06.2020/leja

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