Interview am Morgen: Krankenhäuser: "Die Angehörigen konnten am Anfang nicht verstehen, warum sie nicht mehr reindurften"

Coronavirus - Patienten in häusliche Quarantäne entlassen

Das Besuchsverbot vor dem Eingang der Fachkliniken Hohenurach wird mit Absperrband verdeutlicht.

(Foto: Sven Kohls/dpa)

Brit Ismer arbeitet im Jüdischen Krankenhaus in Berlin, wo zuletzt Keller aufgebrochen, Schutzmasken und Desinfektionsmittel geklaut wurden. Ein Gespräch über Ängste, Nöte und die Herausforderungen, die das Coronavirus mit sich bringt.

Interview von Kristiana Ludwig, Berlin

Nachdem mehrere Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet wurden, hat das Wolfsburger Klinikum einen weitgehenden Aufnahmestopp verhängt. In vielen Kliniken in Deutschland herrscht ein Besuchsverbot - auch im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Brit Ismer ist dort Kaufmännische Direktorin und kennt die Herausforderungen durch das Coronavirus.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Frau Ismer, wie in vielen Kliniken gilt auch im Jüdischen Krankenhaus jetzt ein Besuchsverbot. Wie wirkt sich das aus?

Brit Ismer: Vieles muss neu organisiert werden, zum Beispiel wurden Dienstpläne komplett umgestellt und Patienten-Arzt-Gespräche am Telefon geführt. Wir haben außerdem die Sicherheitsdienste erhöht, weil es an der Pforte große Diskussionen gab. Die Angehörigen konnten am Anfang nicht verstehen, warum sie nicht mehr reindurften. Das konnte ein Pförtner allein gar nicht vermitteln.

Wie schützen Sie Ihr Krankenhaus?

Jetzt sind immer drei Sicherheitskräfte im Einsatz. Mittlerweile haben die Leute aber viel Verständnis. Bei Menschen, die schwer krank sind oder im Sterben liegen, machen wir natürlich Ausnahmen. Es war auch deshalb erforderlich, die Sicherheitsvorkehrungen hochzufahren, weil Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel sehr begehrt sind. Wir wurden auch bestohlen.

Was ist genau passiert?

Keller wurden aufgebrochen. In den ersten Tagen, als die Angehörigen noch kommen durften, haben sie sich auf unseren Stationen Desinfektionsmittel abgefüllt oder versucht, Masken mitzunehmen, die in den Schwesternzimmern als Arbeitsmittel bereitlagen.

Brit Ismer

Brit Ismer ist Kaufmännische Direktorin des Jüdischen Krankenhauses in Berlin.

(Foto: ; Jüdisches Krankenhaus Berlin)

Das heißt, Ihr Keller wird jetzt bewacht?

Ja und wir haben Vorkehrungen getroffen, dass nicht alle Schutzmaterialien an einem Ort aufbewahrt werden. Wir verstauen sie jetzt auch an ungewöhnlichen Orten, wo man sie nicht unbedingt vermutet.

Haben Sie die planbaren Eingriffe abgesagt?

Ja, in allen Bereichen, selbst in der Psychiatrie. Es wurden auch alle Sprechstunden abgesagt.

Was passiert mit den Menschen, die vorher in der Psychiatrie waren?

Wir haben für alle Patienten eine Weiterbetreuung im ambulanten, häuslichen Bereich gefunden und die stationäre Betreuung nach und nach reduziert. Es werden aber Patienten auch weiterhin stationär versorgt. Für die, bei denen wir es vertreten können, haben wir zum Beispiel in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten und Selbsthilfeorganisationen telefonische Betreuung organisiert. Das war ein großer Aufwand, aber es hat gut geklappt.

Gab es Entscheidungen, Patienten nach Hause zu schicken, bei denen die Ärzte Bauchschmerzen hatten?

Das machen wir auf gar keinen Fall. Die Ärzte entscheiden immer im Sinne des Patienten und wenn eine Behandlung nötig ist, wird sie gemacht. Auch Behandlungen von Tumorpatienten lassen wir nicht ausfallen. Das wäre nicht zumutbar. Doch etwa in der Orthopädie gibt es viele Eingriffe, die nicht sofort stattfinden müssen. Darüber hinaus ist der Effekt eingetreten, dass viele Menschen jetzt nicht mehr ins Krankenhaus wollen, weil sie die erlassenen Kontakteinschränkungen beherzigen und vielleicht auch Angst haben, sich hier anzustecken.

Wie viele Betten sind jetzt frei?

Unser Haus verfügt über 350 Betten und etwa die Hälfte ist derzeit frei. Wir hatten bislang vier Corona-Patienten, die stationär aufgenommen wurden, weitere 29 stationäre Verdachtspatienten, die isoliert wurden und auch viele Verdachtspatienten in der Notaufnahme. Daher wurde eine separate Notaufnahme eingerichtet. Dafür haben wir einen Konferenzraum in einem Nebengebäude zu einer Notaufnahme umfunktioniert, mit den wichtigsten Utensilien ausgestattet und einem Team aus Pflegenden und Ärzten besetzt.

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Wie verbringen die restlichen Ärzte ihre Zeit, wenn die Hälfte des Hauses leer ist?

Wir führen Auffrischungskurse durch für Mitarbeitende, die bereits Erfahrung auf der Intensivstation haben. Sogar für Verwaltungsmitarbeiter, die dort früher einmal gearbeitet haben. Die Kolleginnen und Kollegen laufen jetzt auf der Intensivstation mit und werden wieder fit gemacht. Ziel ist, dass das Team, das Intensivpatienten betreut, möglichst lange durchhält. Einige Mitarbeitende haben wir jetzt auch in den Freizeitausgleich geschickt, damit sie sich erholen und keinem Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind - damit sie später länger durchhalten.

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