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Pandemie in Italien:Eine Botschaft an euch da drinnen

Ist ohnehin umstritten und jetzt mit einem Tweet zur Coronakrise erneut in die Kritik geraten: Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi.

(Foto: Filippo Monteforte/AFP)

Virginia Raggi, die Bürgermeisterin von Rom, wendet sich in einem Twitter-Video an die Bürger ihrer Stadt. Dumm nur, dass sie dabei genau das tut, was man in Italien eigentlich nicht mehr darf. Angela Merkel agiert da geschickter.

Das kleine Video, das Virginia Raggi, die Bürgermeisterin von Rom, am Freitagmittag auf Twitter gepostet hat, ist nur 19 Sekunden lang. Es soll eine Aufforderung sein an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, sich an die strengen Ausgangsbeschränkungen zu halten, die wegen der Corona-Krise in Italien seit zwei Wochen gelten.

Gute Idee eigentlich. Die Bürgermeisterin macht den Menschen in der Stadt Mut. Sie hilft mit eindringlichen Worten, die Moral hochzuhalten. Sie sagt, dass gerade eine schwere Zeit ist, dass man das gemeinsam aber überstehen werde. Sachen, die Politiker eben sagen in so einer Situation.

Raggi, 41, hat einen anderen Ansatz gewählt. Sie ist sauer. "Das funktioniert nicht so. Das funktioniert nicht", sagt die Bürgermeisterin, die der linkspopulistischen Bewegung Cinque Stelle angehört. Mehr Respekt sei jetzt nötig - und dass man als Gemeinschaft agiere. In dem Tweet, der über dem Video steht, ist außerdem zu lesen: "Es gibt Leute, die noch rausgehen, als sei nichts passiert". Man müsse gerade die besonders gefährdeten Menschen vor einer Ansteckung schützen. "State a casa! State a casa!", sagt Raggi zweimal am Ende ihres Statements. Bleibt zu Hause!

Das Dumme ist nur: Raggi steht draußen, in einem Park - und tut damit genau das, was die Menschen in Italien derzeit nicht tun sollen.

Die ohnehin schon strenge Ausgangssperre wurde an diesem Freitag noch einmal verschärft. So verbietet die Regierung den Bürgern jetzt auch ausdrücklich, in Parks und andere Grünanlagen zu gehen. Auch etwaige Reisen in Wochenendhäuser sind untersagt. Sport ist nur noch "in der näheren Umgebung der eigenen Wohnung" erlaubt. Die Polizei in Rom kontrollierte die Einhaltung der Regeln am Wochenende stärker als an den vorangegangenen Tagen. Das Haus verlassen dürfen die Menschen in Italien nur, um Lebensmittel oder Medikamente zu besorgen oder um zur Arbeit zu gehen.

Auch in einigen Bundesländern gelten Ausgangsbeschränkungen

Die Reaktionen auf Raggis Video sind dementsprechend verheerend. Mehr als 1700 Kommentare haben sich bis Samstagnachmittag angesammelt. Die allermeisten Spott, Häme oder Beschimpfungen. "Genial. Man stellt sich in den Park und sagt den Menschen, dass sie zu Hause bleiben sollen", schreibt ein User zum Beispiel. Ein anderer denkt weiter: "Morgen erwarten wir ein Video, das uns erklärt, wie wichtig es ist, den Zebrastreifen zu nutzen, in dem Du zu sehen bist, während Du quer über die Stadtautobahn rennst".

Nun muss man zu Raggis Verteidigung zweierlei anführen: Erstens ist das Video aus Twitter nur ein Ausschnitt aus einer längeren Sequenz. Auf Facebook hatte die Bürgermeisterin am Freitagmittag einen längeren, 1:16 Minute dauernden Clip eingestellt. Sie sei in den Parco della Caffarella gegangen, eine große Grünfläche einige Kilometer südlich der römischen Innenstadt, weil sie zahlreiche Hinweise bekommen habe, dass viele sich nicht an die Ausgangsregeln halten würden - und das sei tatsächlich so. Möglicherweise sei einigen der Ernst der Lage nicht klar, sagt Raggi und verweist dann auf die Situation in Bergamo in der Lombardei, wo inzwischen das Militär die Särge mit den an der Pandemie gestorbenen Menschen abtransportieren müsse, weil es auf den Friedhöfen dort keinen Platz mehr gebe. Jetzt müssten die Regeln eingehalten werden, denn "sonst kommt das Militär".

Später, am Abend, postete Raggi auf Facebook zweitens noch ein weiteres Video, in dem zu sehen ist, wie sie Passanten in Parks direkt anspricht und die Regeln erklärt, die die Regierung angesichts der Pandemie erlassen hat.

In Deutschland sind die Beschränkungen noch nicht so restriktiv wie in Italien, in Frankreich oder Spanien. Nur Bayern und das Saarland haben bereits am Freitag relativ umfangreiche Ausgangsbeschränkungen erlassen, dort darf man die eigene Wohnung nur noch mit einem triftigen Grund verlassen. In den anderen Bundesländern gelten meist Verbote, sich in größeren Gruppen zusammenzufinden. An diesem Sonntag wollen die Vertreter der Bundesregierung und der Länder über weitere Anti-Corona-Maßnahmen beraten. Auch Ausgangssperren oder jedenfalls bundesweit einheitliche, sehr strenge Beschränkungen, stehen im Raum.

Angela Merkel braucht Reaktionen, wie sie Roms Bürgermeisterin Raggi erhalten hat, eher nicht zu fürchten. Am Freitag wurde sie, wie die Bild-Zeitung berichtet, in einem Supermarkt in Berlin-Mitte gesehen. Dort kauft sie wohl regelmäßig ein. In dem Bericht steht auch, was sie an diesem Tag in den Einkaufswagen legte: unter anderem Schattenmorellen, Seife, Wein und Klopapier. An der Kasse habe sie mit Karte bezahlt. So wie es Virologen empfehlen.

Die Parkbegehung von Virginia Raggi war sicher auch eine gute Idee. Möglicherweise hätte sie aber für ihren kurzen Aufruf an die Disziplin der Bürgerinnen und Bürger lieber den Balkon ihres Dienstsitzes auf dem Kapitolshügel wählen sollen als die Wiese im Parco della Caffarella.

Anmerkung des Autors: In einer früheren Version des Textes war die längere Version des Videos, die auf Facebook abrufbar war, sowie das zweite Video vom Abend nicht erwähnt. Ein Leser hat uns per Mail darauf aufmerksam gemacht. Dafür herzlichen Dank!

© SZ.de/dpa/AP/gba
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