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Coronavirus:Lockdown auf italienisch

Day two of Italy's nationwide coronavirus lockdown, in Pioltello, near Milan

Schutzmaske auf, Abstand halten, auf Einlass warten: So sieht Einkaufen derzeit in Italien aus.

(Foto: Flavio Lo Scalzo/Reuters)

Das neue europäische Schlagwort heißt "Lockdown", kommt aus dem Englischen, aber jeder versteht es: Sperre, Schließung. In Italien sind seit einer Woche fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens gesperrt und geschlossen, die Jalousien runtergezogen. Offen sind nur die absolut unabdingbaren Einrichtungen, also Lebensmittelläden, Apotheken, Arztpraxen, Banken und Postämter, sowie einige wenige mehr, über deren unverzichtbaren Nutzen man vielleicht verhandeln könnte, etwa die Tabakläden. Ein Raucher würde da wahrscheinlich widersprechen.

Die Läden sind immer gut versorgt, das Angebot wird jeden Tag neu aufgestockt

Nach einer Woche hat sich das eingespielt. Wobei: Italiens Innenministerium schiebt noch immer täglich nach, was mit den einzelnen Verordnungen genau gemeint ist. Was ist mit Joggen, mit Fahrradfahren, was mit Spazieren, den Hund ausführen? Die Grundregel lautet so: Niemand verlässt das Haus, außer er hat einen sehr wichtigen, unaufschiebbaren Grund wie Essen einkaufen, Arztbesuch, Arbeit, die sich nicht im Home-Office verrichten lässt. Ziel ist die Abflachung der Kurve mit den Neuinfektionen, und die lässt sich nur mit einer drastischen Einschränkung von sozialen Kontakten erreichen.

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Geht man raus, so füllt man zuerst das Formular "Modulario Interno 314" des Innenministeriums aus, das kann man aus dem Netz herunterladen und ausdrucken - eine sogenannte Selbstzertifizierung mit allen persönlichen Daten und einer Unterschrift. Gerät man in eine Kontrolle, muss man der Patrouille glaubhaft machen können, dass der Eintrag auf dem Formular auch der Wahrheit entspricht. Es gibt Zehntausende solcher Kontrollen im Land, jeden Tag. Und natürlich gibt es auch täglich Tausende Verstöße. Doch auf die Gesamtbevölkerung berechnet, auf sechzig Millionen Italiener, die viel Bewegungsfreiheit gewohnt sind, ist die Zahl der Anzeigen und Zurechtweisungen minimal.

Einkaufen zum Beispiel geht in Zeiten des Lockdown so: einzeln, nie in Begleitung, weder eines Freundes noch eines Mitglieds der Familie. Man wählt den nächstgelegenen Laden, das ausgefüllte Modulario Interno 314 in der Tasche, eine Schutzmaske vor Mund und Nase. Vor dem Laden steht ein Bediensteter, der nur wenige Kunden gleichzeitig reinlässt. Alle anderen warten in der Schlange, zwei bis vier Meter voneinander entfernt. Geht normalerweise ganz rasch, die Läden sind immer gut versorgt, das Angebot wird jeden Tag neu aufgestockt. Hamstern ist nicht nötig. Am Eingang liegen Plastikhandschuhe, die braucht man jetzt nicht mehr nur am Stand für Gemüse und Früchte, sondern im ganzen Laden. Dann auf direktem Weg nach Hause, Hände waschen, Früchte und Gemüse waschen. Es gibt Schlaumeier, die gehen jetzt fünfmal am Tag einkaufen, um rauszukommen.

Auswärts essen ist nicht mehr möglich. Alle Restaurants, Bars und Mensen sind geschlossen. Auf den Apps der Kurierdienste gibt es Angebote von Lokalen, die trotz Schließung weiterkochen und ausliefern lassen, zumeist mit Rabatten. In Rom gibt es Pizzen und Pasta, Hamburger, Sushi vom Chinesen, Kebab, Tikka Masala. Manche Restaurants schreiben in den sozialen Netzwerken, sie würden ihre Küchen ständig desinfizieren, und ihr Kurier stelle das Paket auf Wunsch gerne einfach vor die Haustür und gehe dann wieder, ohne Gruß.

Zu einiger Verunsicherung führt noch immer die Frage, ob man sich auch mal so die Beine vertreten darf im Freien. Das Innenministerium bat um Unterlassung. So man es drinnen aber wirklich nicht mehr aushalte: dann eben kurz raus, eine Runde ums Haus, allein oder mit gebührendem Abstand, wieder rein. Flanieren im Stadtpark? Geht nicht mehr, die Parks werden nach und nach alle geschlossen. Mit dem Hund darf man hingegen immer raus, kurz auf die Piazza, dafür braucht es auch keine Selbstzertifizierung.

Zum Aperitif trifft man sich nun im Netz

Joggen und Fahrradfahren geht auch, aber ebenfalls nur einzeln und mit Maß. Man könne dem Menschen nicht untersagen, sich körperlich zu betätigen, hieß es aus dem Ministerium. Diese Grauzone lädt natürlich zu kreativer Auslegung ein. Manche Polizisten waren am Wochenende noch nicht informiert und zeigten auch Fahrradfahrer an. Auch für das Autofahren gilt: Es fährt nur, wer wirklich muss. Um technische Probleme muss man sich keine Sorge machen, in allen Gegenden gibt es offene Garagen, im Notfall findet man auch Klempner und Elektriker.

Besonders schwierig ist die Lage für die, die kein Zuhause haben. Die Obdachlosen, etwa 50 000 im ganzen Land, sind die Einzigen, die sich auch ohne Formular draußen bewegen dürfen. Viele Armenküchen sind geschlossen, vor allem im Norden des Landes. Doch private und kirchliche Hilfsorganisationen füllen die Lücke und bringen das Essen direkt zu den Bedürftigen. Es gibt auch Ärzte, die nach den Obdachlosen schauen.

Die lange Isolation im eigenen Zuhause, gefangen in Langeweile und Einsamkeit, bringt die Menschen auch auf originelle Ideen für etwas Zwischenmenschlichkeit. Das gemeinsame Klatschen und Musizieren auf den Balkonen ist die schönste von allen. Man singt mit den Nachbarn und verabredet sich für den nächsten Tag: stessa ora, selbe Zeit. Es gibt aber auch virale Momente der Nähe. So trifft man sich nun zum Aperitif im Netz, die Älteren eher auf Skype, die Jungen über die App House Party. Man setzt sich also mit einem Glas Wein oder Spritz vor den Bildschirm, die Freunde sind zugeschaltet über ihre Webcams. Da kommen hübsche Runden zusammen, auch mal internationale.

Auch Geburtstagsfeste begeht man so. Gutes, schnelles Internet ist dafür natürlich wichtig. Erstaunlicherweise hat es bisher kaum Klagen gegeben, obschon das Netz so stark beansprucht wird wie nie zuvor, vor allem wegen der Streamingdienste. Ohne Unterhaltung aus dem Netz wäre die soziale Absonderung wohl auf Dauer schwer auszuhalten.

© SZ vom 17.03.2020/bepe

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