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Islamischer Staat:Das Kalifat will die Corona-Krise ausnutzen

USA Irak IS

Armee mit Mundschutz: Vor einigen Tagen übergab die US-Armee die Militärbasis K1 in Kirkuk an die irakischen Streitkräfte.

(Foto: dpa)
  • Die Politik der Eindämmung des Virus in den Staaten der Anti-IS-Koalition hilft dem Terrornetzwerk im Irak und Syrien.
  • Auch Deutschland unterbricht seine Einsätze. Die Bundeswehr zieht Teile ihrer Truppen ab.
  • Dass der bereits weitgehend besiegte IS wieder an Macht kommt, liegt ber auch an der Politik der USA in der Region.

Als das Coronavirus Mitte März endgültig seinen Weg von Asien nach Westen gefunden hatte und in Europa und dem Nahen Osten eine Regierung nach der anderen das öffentliche Leben beschränkte, ließ eine Reisewarnung aufhorchen: Die Terrormiliz IS, die auch nach der endgültigen Zerschlagung ihres Pseudokalifats dem Namen nach den Anspruch erhebt, einen Staat zu repräsentieren, warnte ihre Kämpfer vor Reisen nach Europa. In dem Artikel, der im IS-Sprachrohr al-Naba veröffentlicht wurde, hielten die Dschihadisten ihre Anhänger zudem mit theologisch unterfütterten Argumenten zum Händewaschen an und dazu, beim Niesen Mund und Nase zu bedecken. Pandemien wie Corona, versicherten die IS-Propagandisten ihren Lesern, würden nicht von selbst zuschlagen, sondern auf Erlass Gottes. "Wir bitten ihn, die Qualen der Kreuzfahrer zu erhöhen und die Gläubigen davor zu retten", hieß es weiter.

Dass die Terrororganisation das Chaos und den Zusammenbruch der Märkte in den Ländern ihrer Gegner auszunutzen versucht, ist aus ihrer Sicht nur logisch. Zumal der Gruppe außer ihrer Propaganda nicht mehr viel zur Mobilisierung bleibt, seitdem sie im vergangenen Jahr weitgehend militärisch besiegt wurde. Doch die Maßnahmen vieler Staaten weltweit gegen das Virus binden immer mehr Mittel. Sie behindern zugleich schon laufende Operationen, sodass der IS davon zu profitieren versucht, dass der Kampf gegen das Virus den Kampf gegen den Terror von der Prioritätenliste verdrängt hat.

Auch die Bundeswehr zieht einen Teil ihrer Soldaten aus dem Irak ab

Besonders deutlich wird dies im Irak, wo die internationale Anti-IS-Koalition mehrere Stützpunkte unterhält. Zunächst wurde von diesen Basen die Zerschlagung des Pseudokalifats koordiniert. Seit der Wiedereroberung von Mossul 2017 bildete die Koalition dort irakische Truppen aus und unterstützten deren Missionen durch Luftaufklärung. Zumindest bis Anfang März: Da stellte die Nato ihren Beitrag zum Training zunächst für 60 Tage ein. In der Folge reduzierte Großbritannien den Einsatz seiner Truppen, vergangene Woche zog Frankreich Soldaten ab, ebenso Spanien und die Niederlande. Auch die Bundeswehr holt einen Teil ihrer im Irak stationierten Leute heim. Soldaten, die für den Grundbetrieb derzeit nicht zwingend erforderlich sind, seien bereits verlegt worden, teilte das Einsatzführungskommando dem Verteidigungsausschuss des Bundestages mit, die ersten seien bereits am Sonntag in Deutschland gelandet.

Eine Awacs-Maschine der Luftwaffe, mit der die Bundeswehr vom türkischen Konya aus die Grenze zu Syrien überwachte und auch den Luftraum über Afghanistan kontrollierte, wurde Anfang März abgezogen. Zu den Corona-bedingten Ausfällen kommt ein Vakuum, dessen Ursachen rein politisch sind: Seit dem Befehl von US-Präsident Donald Trump Anfang Januar, den iranischen General Qassem Soleimani töten zu lassen, sind die Tage der Supermacht im Irak gezählt: Obwohl sich die Politiker in Bagdad seit Monaten auf kein neues Kabinett einigen können, sind sich die Abgeordneten in einem Punkt einig: Die US-Soldaten sollen abziehen. Diese Forderung erheben auch schiitsche Milizen - nur tragen sie ihre Argumente nicht im Parlament vor. Immer wieder regnete es zuletzt Raketen auf US-Stützpunkte.

Im US-Verteidigungsministerium arbeiten Stäbe nach Informationen der New York Times zwar an Plänen, wie diese Milizen ausgeschaltet werden könnten, doch selbst die US-Kommandeure im Irak sind skeptisch. Und so bleibt vorerst nur der Rückzug: Am Sonntag übergaben die USA die Basis K1 bei Kirkuk an irakische Truppen, bei der Zeremonie trugen die Soldaten Handschuhe und Atemmasken. Der Stützpunkt ist bereits der dritte, den die USA im März aufgeben. Sprecher der Anti-IS-Koalition betonen, dass dies länger geplant war und dem IS keinen Raum für neue Operationen ermögliche. Doch vor allem besorgt manche Beobachter, dass sich das Militärbündnis aus der Stadt al-Qaim an der schwer zu kontrollierenden syrisch-irakischen Grenze zurückgezogen hat.

In dieser Gegend hielt der IS seine letzten Bastionen. Einige Militante schafften es auch nach deren Verlust, zwischen den Ländern hin und her zu wechseln. Und obwohl hier nun pro-iranische Milizen großen Einfluss ausüben, könnte die Region als Versteck und klandestine Schmuggelroute für den IS wieder wichtig werden - wenn es ihm gelingt, durch die Corona-Krise entstandene Machtvakuen zu nutzen. Allein im Irak befinden sich derzeit etwa 20 000 IS-Kämpfer in Haft, im Osten Syriens etwa 12 000, wie die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) angeben, die die Region kontrollieren.

Dass der IS darauf spekuliert, einen Teil dieser Gefangenen zu befreien, halten Experten für wahrscheinlich; es würde die Schlagkraft der Organisation schlagartig erhöhen. Bereits im Oktober gab es Ausbruchsversuche, am Montag nun rebellierten die Häftlinge im Gweran-Gefängnis in der Stadt Hasaka, einigen gelang die Flucht. Ob die Häftlinge revoltierten, weil sie sich vor einer Ausbreitung des Coronavirus in den überbelegten Zellen fürchteten, lässt sich nicht sicher bestätigen. Die hygienischen Verhältnisse jedenfalls sind dort wie in anderen Lagern mit IS-Gefangenen katastrophal - und werden immer schlechter. Vergangene Woche drehten türkische Kräfte der Region um Hasaka das Trinkwasser ab.

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Nach seiner anfänglichen Reisewarnung hat der IS nun seine Strategie geändert: In einer neuen Ausgabe von al-Naba rief er seine Anhänger auf, die Situation auszunutzen: In Syrien und Irak selbst, das Letzte, was der Westen wolle, sei "mehr Soldaten dorthin zu schicken, wo sich diese Seuche wohl schnell ausbreiten wird". Und auch in den Ländern, die sie als "Kreuzfahrernationen" bezeichnen, wollen die Dschihadisten nun wieder aktiv werden: Anschläge wie in London oder Paris würden sich besonders lohnen, so al-Naba, wenn die Sicherheits- und Gesundheitsbehörden des Westens wegen des Virus ohnehin an ihrer Kapazitätsgrenze agierten.

© SZ vom 01.04.2020/bix
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