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Intensivbetten in Deutschland:Der Ausbau hat seine Grenzen

Coronavirus Notambulanz Chemnitz

Warten auf den Ansturm: In der Messe Chemnitz steht die Corona-Ambulanz bereit. Hier können sich Leute mit Symptomen testen lassen.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Die Zahl der Intensivbetten in Deutschland soll verdoppelt werden - das klingt gut. Doch bei der Ausstattung gibt es schon jetzt Lieferengpässe. Und eine Ressource ist besonders knapp.

Es ist ein weiter Weg von Island bis in den Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Das müssen die Menschen dort gerade schmerzlich erfahren. Bereits vor zwei Wochen, am 5. März, hatte Island den österreichischen Skiurlaubsort Ischgl zum Risikogebiet erklärt. Mehrere Isländer waren positiv auf das Coronavirus getestet worden, nachdem sie dort Skifahren waren. Doch im Ostalbkreis erfuhren die Behörden von dieser Warnung nichts. Entsprechend sorglos machten sich zwei Tage später noch sechs Omnibusse mit 200 Skifahrern nach Ischgl auf. Tags drauf kamen sie zurück, gingen eine Woche lang in die Schule, ins Büro und in die Kneipen der kleinen Stadt Aalen. Heute weiß das örtliche Gesundheitsamt, dass es ein Problem hat.

Der Ausbruch des Coronavirus im Ostalbkreis hat nun das Potenzial, zu einem neuen Hotspot der Infektionen in Deutschland zu werden. Von Sonntag auf Montag stieg die Zahl der Infizierten dort um 50 Prozent auf 52 Menschen, am Mittwochvormittag registrierte das Landratsamt 109 Infizierte. Noch gebe es keine schweren Erkrankungen, aber noch seien auch längst nicht alle Testergebnisse der Skifahrer da, wie Landrat Klaus Pavel (CDU) auf Anfrage erklärt. So seien mit Stand Dienstagabend noch 230 Testergebnisse nicht zurückgekommen. Mehr als 1000 Bürger seien bereits in Quarantäne.

Man blicke "mit Sorge" auf die zurück-gekehrten Skiurlauber, sagt auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. Wenn es nicht gelinge, die Infektionsfälle zu reduzieren, könne es in Deutschland in zwei oder drei Monaten bis zu zehn Millionen Corona-Patienten geben. Von ihnen müsste dann auch ein gewisser Teil in die Klinik. Am Dienstag verständigte sich Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) mit den Bundesländern auf ein "Grobkonzept Infrastruktur Krankenhaus", laut dem die Zahl der 28 000 Intensivbetten bundesweit verdoppelt werden soll. Rehakliniken, Hotels und Hallen sollen zudem umgerüstet werden, um "Krankenhäuser für schwerere Verläufe" zu entlasten, heißt es in dem Papier.

Doch am Fall der Stadt Aalen wird sichtbar, wie schwierig es wird, solche Vorbereitungen zu treffen - und wie schwer, das Virus einzudämmen, wenn man viele Tage auf die Testergebnisse warten muss. Das örtliche Gesundheitsamt schöpfte vergangene Woche selbst Verdacht. Zehn Feuerwehrleute begannen die Skiurlauber abzutelefonieren. Sie baten die Leute, mit dem Auto an eine eilig eingerichtete Teststation zu fahren. Doch viele Ergebnisse stehen bis heute noch aus. Das zuständige baden-württembergische Sozialministerium räumt ein, dass die Laboruntersuchung "teilweise mehrere Tage in Anspruch" nehme. Viele Labore im Land seien "an der Kapazitätsgrenze angelangt". Dieselbe Beobachtung macht auch Andreas Botzlar von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Bundesweit seien Labore "am Anschlag", die Labormitarbeiter kämen "mit der Arbeit nicht hinterher".

Eigentlich dauert ein Corona-Test nur wenige Stunden. Im Ostalb-Klinikum "läuft alles noch in seinen geordneten Bahnen", sagt dessen Leiter, Ulrich Solzbach, am Telefon. Man bemühe sich, die nicht-akuten Operationen zu reduzieren und die Hälfte der Intensivbetten frei zu bekommen, "für die Omas und Opas der Ischgl-Rückkehrer". Doch über die Forderung der Politik, die Intensivbetten zu verdoppeln, kann er nur lachen: "Wir können vielleicht eine Erhöhung um zehn Prozent schaffen." Wenn er "alles hochschraube", komme er in den drei Kliniken des Ostalbkreises "auf 40 bis 45 Beatmungsplätze". Auch der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, hatte bereits abgewinkt: Zwanzig Prozent zusätzliche Betten könne man zeitnah aufbauen, mehr nicht.

Ein entscheidender Engpass bei der Schaffung neuer Intensivbetten sind Beatmungsgeräte. Eine Umfrage von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung unter mehr als 50 großen Kliniken in Deutschland zeigt, dass viele von ihnen derzeit Lieferschwierigkeiten bei Verbrauchsmaterial haben, darunter besonders Beatmungsschläuche und Kanülen für Geräte, die das Blut mit Sauerstoff anreichern. So berichtet etwa der Oberarzt in der Lungenklinik in Köln-Merheim, Christian Karagiannidis, dass er zwar genügend Schläuche für alle Patienten hat, die derzeit in den Kliniken Köln liegen - die Frage sei aber, "wie lange der Vorrat reicht". Derzeit noch etwa zwei bis vier Wochen, schätzt er, aber hier sei "der Nachschub essenziell".

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Für Beatmungsgeräte gibt es weltweit nur etwa eine Handvoll großer Hersteller. Einer von ihnen ist die schwedische Firma Getinge. In den vergangenen Tagen haben sich Regierungen verschiedener Länder und die EU an das Unternehmen gewandt. Der Bedarf sei seit dem vergangenen Wochenende massiv gestiegen, vor allem aus Europa und den USA, sagt Getinge-Direktor Markus Stirner-Schilling. Es werde allerdings "sehr, sehr schwierig", alle Bedürfnisse zu erfüllen, weil die Produktion von vielen Zulieferern abhänge. Getinge hat im vergangenen Jahr 10 000 Beatmungsgeräte hergestellt, dieses Jahr sollen es 16 000 Maschinen werden. Allein die Bundesregierung hatte vor einigen Tagen 10 000 Geräte beim Konkurrenten Dräger in Lübeck bestellt.

Nicht jeder Klinikchef war gleich bereit, planbare Operationen zu verschieben

Doch obwohl die Betten bald knapp werden könnten, wenn die Infektionszahlen weiter steigen, war vergangene Woche noch nicht jeder Klinikchef bereit, planbare Operationen zu verschieben. Am Freitag schrieben etwa die Geschäftsführer der Uniklinik Marburg an ihre Belegschaft, "obwohl die Regierung schon ab Montag eine Verschiebung oder Aussetzung von planbaren Aufenthalten und Eingriffen vorschlägt", wolle man die Versorgung der Patienten "im vollen Umfang aufrechterhalten". Drei Tage später musste die hessische Landesregierung offiziell anordnen, die OPs zu verschieben. Allerdings ist es bis heute noch nicht in jedem Bundesland Pflicht zu verschieben. Baden-Württemberg verweist etwa immer noch auf die Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) - die rechtlich aber gar nicht bindend ist.

Auch bei den geplanten Notunterkünften in Hotels und Messehallen kommt es nicht auf die Regierung, sondern auf einzelne Kommunen an. Wenn etwa das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Krankenlager errichtet, muss ein einzelner Amtsarzt entscheiden, wie es beschaffen sein soll. Als Beispiel nennt der stellvertretende Katastrophenschutzbeauftragte des DRK, Jörg Haas, die Mundschutzmasken. "Es wird immer wichtiger, sparsam mit dem Material umzugehen", sagt er. Während die DRK-Helfer in der ersten Corona-Quarantäne in Germersheim noch bei jedem Kontakt mit einem Patienten eine Schutzmontur verbrauchten, habe man später die Helfer einfach mit unter Quarantäne gestellt - oder versucht, die Menschen "kontaktlos" zu versorgen und das Essen vor die Tür zu stellen. Ob solche Lösungen erlaubt sind, entscheiden aber die Ämter, mitunter "sehr unterschiedlich". Doch neben all den Gerätschaften, die bei einer Pandemie gebraucht werden, ist eine Ressource besonders knapp: die Helfer.

© SZ vom 19.03.2020
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