bedeckt München 22°

Coronavirus:Mehr Infektionen in ganz Deutschland

Schausteller aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz demonstrieren am Donnerstag (6.8.2020) in Saarbrücken, u

Schausteller aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz demonstrieren in Saarbrücken, um auf ihre schwierige Lage in der Corona-Krise aufmerksam zu machen.

(Foto: imago images/Becker&Bredel)

Anders als zu Beginn kommt der Anstieg durch viele kleine Ausbrüche zustande. Von Samstag an gilt eine Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten. Gesundheitsminister Spahn warnt: "Die Pandemie ist noch nicht vorbei."

Von Werner Bartens und Kristiana Ludwig, Berlin

Menschen, die aus Regionen nach Deutschland einreisen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) zum Risikogebiet erklärt hat, müssen sich von diesem Samstag an auf das Coronavirus testen lassen. Das hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angeordnet. "Die Pandemie ist noch nicht vorbei", sagte er am Donnerstag in Berlin und verwies darauf, dass die Zahl der Neuinfizierten innerhalb eines Tages auf bundesweit 1045 Menschen gestiegen sei. Im Augenblick hat das RKI eine Reihe von Ländern außerhalb der Europäischen Union, aber auch die Provinz Antwerpen in Belgien, die spanischen Regionen Aragón, Katalonien und Navarra sowie Deutschlands Nachbarland Luxemburg als Risikogebiet gekennzeichnet. Für Einreisen aus Drittstaaten in die EU möchte Spahn eine Testpflicht "vor Abflug" einführen, sagte er. Dafür brauche man aber eine gemeinsame europäische Lösung, für die er sich einsetzen wolle.

Als Ursache für die steigenden Infektionszahlen nannte Spahn "viele kleinere Ausbrüche", etwa auf Familienfeiern oder am Arbeitsplatz, aber eben auch Urlaubsrückkehrer. Von einer zweiten Welle wollte Spahn jedoch nicht sprechen. Diese Frage halte er für "wenig zielführend".

Tatsächlich vermittelt das Bild einer "zweiten Welle", dass es zu einem noch ungewissen Zeitpunkt zu einem raschen Anstieg der Neuinfektionen kommen könnte. Doch die Metapher führt in die Irre. Vielmehr setzt sich das Infektionsgeschehen derzeit aus verschiedenen Komponenten zusammen: Einzelne lokale Neuinfektionen treten auf oder werden von Reisenden aus Risikogebieten eingeschleppt und im ganzen Land verteilt. Zudem gibt es vereinzelt "Superspreading"-Events auf Gemüsehöfen, in der Fleischindustrie oder in Flüchtlingsunterkünften. Diese Ereignisse addieren sich. Mit dem Schulbeginn in einigen Bundesländern von nächster Woche an und dem fast 14-tägigen Meldeverzug wird sich die Zahl der Infektionen vermutlich weiter erhöhen.

Zudem verbreitet sich das Virus mittlerweile gleichmäßig in der Bevölkerung, was von Forschern als "Diffusion" bezeichnet wird. Waren es anfangs noch Einzelereignisse, wie die Partytage in Ischgl oder Karnevalssitzungen im Rheinland, erfolgt die Ausbreitung inzwischen flächendeckend. Zwar verlaufen mehr als 80 Prozent der Infektionen mit Sars-CoV-2 asymptomatisch, doch das trägt eben auch dazu bei, dass sich zunehmend alle Alters- und Bevölkerungsschichten anstecken - aber nur bei jedem fünften oder sechsten Infizierten Beschwerden auftreten. Hinzu kommt eine Sorglosigkeit in der Bevölkerung. Nachdem die Zahl der Ansteckungen besonders im Mai und Juni kontinuierlich zurückgegangen war, wurden Abstandsregeln und Maskenpflicht nicht mehr so streng befolgt: Sommer, Ferien und Urlaub wurden als Atempause wahrgenommen.

Gesundheitsminister Spahn appellierte an die Bürger, die Hygieneregeln weiter einzuhalten. "Bleiben wir wachsam, halten wir die Regeln ein", sagte er. Für Anfang September kündigte er zudem ein Konzept zur Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes an.

© SZ vom 07.08.2020
Demonstration gegen Corona-Beschränkungen

SZ Plus
Demonstration in Berlin
:Schaut auf diese Stadt

"Wir sind die zweite Welle": In Berlin gehen Tausende auf die Straße, ohne Mundschutz, ohne Abstand, um gegen die Corona-Beschränkungen zu demonstrieren. Mit Staunen blickt die Welt auf das, was da gerade passiert.

Von Hannah Beitzer, Verena Mayer und Mike Szymanski

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite