Coronavirus:Tschechien macht aus fünf Impfdosen sechs

Coronavirus: Vorbildfunktion: Der tschechische Premier Andrej Babiš ließ sich als einer der ersten gegen Covid-19 impfen.

Vorbildfunktion: Der tschechische Premier Andrej Babiš ließ sich als einer der ersten gegen Covid-19 impfen.

(Foto: Petr David Josek/AP)

Geht es nach Tschechiens Premier, soll jede Ampulle Impfstoff eine zusätzliche Dosis hergeben. In Deutschland sieht man es nicht so locker.

Von Viktoria Großmann

Kann man aus 300 Millionen Impfdosen 360 Millionen machen? Der tschechische Premier Andrej Babiš findet: Man kann - indem man einfach den gesamten Inhalt der Fläschchen nutzt, die Pfizer/Biontech ausliefert. Laut Beipackzettel befinden sich fünf Dosen in jeder Ampulle, garantiert. Diese sollen genutzt werden, nicht mehr. Nicht selten aber bleibt genug übrig für eine weitere vollständige Impfdosis. Das bestätigt etwa der Leiter des Prager Krankenhauses Motol, "und wir fangen auch an, diese zu nutzen", fügte er hinzu.

Eine offizielle Genehmigung dafür hat er mittlerweile, zumindest von der tschechischen Kontrollbehörde für Arzneimittel. Um eine Genehmigung von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) hatte Andrej Babiš vor einer Woche bei Ursula von der Leyen geworben. Ein so knappes Gut wie Cominarty, so der offizielle Name des Vakzins in der EU, sollte nicht verschwendet werden. In Tschechien liegt die Infektionsrate deutlich höher als in Deutschland. Dafür soll bereits im Februar die Impfung der Allgemeinheit beginnen.

Bei der EMA hätte man nicht unbedingt den tschechischen Premier gebraucht, um sich der Lage bewusst zu werden. Man habe das Unternehmen bereits während der Prüfung des Mittels aufgefordert, Daten vorzulegen, die zeigen, dass verlässlich auch eine sechste Dosis im Fläschchen steckt, erklärt eine EMA-Sprecherin. "Die Firma hat zu erkennen gegeben, dass sie innerhalb der nächsten Tage eine Anfrage einreichen wird, um den Beipackzettel zu verändern."

Was übrig ist, wird weggeworfen

Alles nur eine Formsache? Nicht ganz. Nicht jeder Arzt sieht die Sache so locker wie der Prager Krankenhaus-Leiter. In München hält man sich an die Anweisung der EMA. Fünf Dosen werden entnommen, wie es in der Packungsbeilage steht. Was darüber hinaus noch drin ist, wird weggeworfen - auch dann, wenn es sich um eine weitere vollständige Impfdosis handelt. Es wäre sonst ein "Off-Label-Use", erklärt eine Sprecherin der Stadt München. "Dann wäre der impfende Arzt in der Haftung, nicht mehr der Staat oder der Hersteller."

Dabei hat, wie die tschechische Behörde, auch das Bundesgesundheitsministerium nicht auf die Vorgabe von der EMA in Amsterdam gewartet. "Mit den richtigen Instrumenten können die Impfärzte jetzt schon sechs statt fünf Dosen verwenden", teilt eine Sprecherin mit. Die Beachtung der ärztlichen Sorgfaltspflicht obliege aber natürlich der jeweiligen Ärztin oder dem Arzt.

Šárka Kozáková vom Universitätsklinikum in Brünn ist erleichtert über die Erlaubnis der tschechischen Behörde. Trotzdem bremst sie den Optimismus des Premiers. "Man kann nicht aus jedem Fläschchen problemlos sechs Impfdosen entnehmen." Normalerweise, erklärt die Ärztin, stellen sich beim Impfen solche Fragen gar nicht. Weil die Stoffe gegen andere Krankheiten üblicherweise in fertigen Einzeldosen ausgeliefert werden - ohne Anmischen, ohne Verluste.

Doch bei Corona ist alles anders. Jede Impfdosis muss mit Kochsalzlösung aufgepuffert werden. Zudem ist in jedem Fläschchen Wirkstoff etwas Überschuss enthalten, denn es hängt auch von Nadel und Spritze ab, wie exakt die Dosis entnommen werden kann und wie viel dabei verloren geht. Biontech erklärt auf Anfrage: "Wir diskutieren gerade mit den zuständigen Behörden, ob und wie eine sechste Impfstoffdosis sowie die zugehörigen Nadeln und Spritzen mit einem geringen Totvolumen zugänglich gemacht werden könnten."

Hersteller, Genehmiger und nicht zuletzt die Ärzte wollen auf Nummer sicher gehen. Die neue Regelung wird Tschechien wohl nicht, wie von Babiš vorgerechnet, einfach so 20 Prozent mehr Impfdosen bescheren. Aber zumindest etwas mehr. Am Ende könnte es so ausgehen wie in den USA und Israel, wo das medizinische Fachpersonal ebenfalls bald darauf drang, keinen Wirkstoff verschwenden zu müssen. Schon Mitte Dezember änderte in den USA die zuständige Behörde FDA in Absprache mit Pfizer den Beipackzettel. Statt "enthält fünf Einzeldosen" steht dort nun "bis zu sechs". So einfach. Nur vollständig müssen die Dosen sein, Reste aus zwei Fläschchen zu mischen ist nicht erlaubt.

© SZ
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