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Impfstoffversorgung:Ende gut, alles gut?

Injektionsflasche mit Impfspritzen, Corona-Impfstoff von AstraZeneca, Symbolfoto *** Injection bottle with vaccine syri

Bald der Dritte im Bunde? Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA will bis Ende des Monats über die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Astra Zeneca entscheiden.

(Foto: Christian Ohde/imago images)

Deutschland könnte im Laufe des Jahres tatsächlich genug Impfdosen erhalten. Doch auch in Brüssel gibt es Zweifel am bisherigen Tempo der Verteilung.

Von Karoline Meta Beisel, Brüssel, und Kristiana Ludwig, Berlin

Nach Biontech und Moderna hat nun ein drittes Unternehmen seinen Impfstoff gegen das Coronavirus zur europäischen Zulassung angemeldet: Astra Zeneca. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) teilte am Dienstag mit, sie wolle bis Ende Januar ihre Bewertung abschließen. Insgesamt hat die EU-Kommission bei diesem Hersteller 400 Millionen Impfdosen reserviert - für die deutsche Bevölkerung hieße ein positives Urteil der EU-Behörde, dass sie sich auf etwa 56 Millionen Impfdosen einstellen könnte. Eine Liste des Bundesgesundheitsministeriums, welche der Süddeutschen Zeitung vorliegt, zeigt, wie viele Impfdosen sich die Bundesregierung bereits gesichert hat - und von welchen Herstellern.

Biontech soll demnach mindestens 60 Millionen Impfdosen über die EU-Verträge an Deutschland liefern und noch einmal 30 Millionen über eine bilaterale Zusage. Im Dezember lieferte Biontech bereits 1,34 Millionen Dosen aus, bis Ende März sollen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zufolge 10,1 Millionen Dosen verfügbar sein. Moderna sagte insgesamt 50 Millionen Dosen zu und soll bis Ende März 1,8 Millionen Dosen an die Bundesländer ausgeliefert haben.

Über EU-Verträge würde Deutschland 300 Millionen Impfdosen erhalten

Auch für Impfstoffe, die in der EU noch nicht zugelassen sind, gibt es schon Verträge mit den Unternehmen: Sanofi soll mindestens 56 Millionen Dosen liefern, Curevac insgesamt fast 60 Millionen - die sich sowohl aus EU-Verträgen als auch aus direkten Zusagen an Deutschland zusammensetzen. Würde auch der Impfstoff von Johnson & Johnson und damit dessen bestellte 37 Millionen Dosen zugelassen, würde Deutschland insgesamt 300 Millionen Impfdosen über EU-Verträge erhalten. Fünf Millionen kämen dazu, wenn der deutsche Hersteller IDT aus Dessau eine Zulassung erhielte. Denn auch er hat den Angaben zufolge eine direkte Absprache mit der Bundesregierung.

Jens Spahn stimmt diese Aussicht optimistisch, so schrieb er es am Montag jedenfalls in einem Brief an den Bundestag: "Deutschland gehört zu den Ländern auf der Welt, die nach dem aktuellen Stand der Dinge bereits jetzt darauf bauen können, im Verlauf dieses Jahres genug Corona-Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zu haben." Bis jetzt seien mehr als 600 000 Menschen geimpft worden. Und nach heutigem Stand seien die Zulassungen auch für Vakzine von Johnson & Johnson und Curevac bis zur Jahresmitte "erwartbar", schrieb er.

Bis spätestens Mitte Februar wollten Bund und Länder allen Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeheimen ein Impfangebot machen. "Teils unbefriedigende Situationen ergaben sich durch punktuell massiv erhöhte Anrufaufkommen" bei den Impf-Callcentern der Länder, schrieb Spahn. Sie sollten für eine "ausreichende Besetzung" ihrer Telefondienste sorgen. Der Start der Impfkampagne, schrieb Spahn, sei "allen berechtigten Hinweisen auf zu verbessernde Abläufe zum Trotz" ein "Erfolg" gewesen. Der Gesundheitsminister war vor allem vom Koalitionspartner SPD kritisiert worden, er habe den Impfstart in Deutschland und die Bestellungen der Vakzine vermasselt.

Aber auch in Brüssel hat man offenbar Zweifel, was das Tempo der Impfungen in den Mitgliedstaaten angeht. Die Kommissionsbeamtin Sandra Gallina, die für die europäischen Verhandlungen mit den Pharmakonzernen zuständig ist, sagte am Dienstag bei einer Anhörung im EU-Parlament, die Mitgliedstaaten sollten künftig zweimal pro Woche mitteilen, wie viele Menschen sie bereits geimpft hätten. So würde das Seuchenschutzzentrum ECDC erkennen können, wenn die Hersteller Probleme hätten, Liefertermine einzuhalten. Denn die Fähigkeit, die zugesagten Impfdosen tatsächlich liefern zu können, sei für die EU-Länder bei den Vertragsverhandlungen extrem wichtig gewesen. "Wenn man Milliarden Impfdosen ordert, die dann nicht geliefert werden, was würde das bringen?", sagte Gallina.

Weiteren Gesprächsbedarf gibt es offenbar bei den deutschen Sonderbestellungen bei den Firmen Biontech und Curevac. In dem Papier mit den Bestellmengen sind diese bilateralen Verträge ausdrücklich aufgeführt - nach einer Vereinbarung unter den Mitgliedstaaten sind solche Bestellungen auf eigene Faust aber eigentlich ausgeschlossen, zumindest bei solchen Firmen, mit denen auch die EU-Kommission verhandelt. So sollte ein Wettrennen um die Impfstoffe verhindert werden.

Zu den deutschen Sonderbestellungen gibt es Gesprächsbedarf

Gallina sagte im EU-Parlament, sie kenne die Äußerungen der Bundesregierung - habe allerdings bis jetzt noch keinen einzigen dieser Verträge gesehen. "Ich bezweifle auch, dass sich das noch ändert. Nach dem, was ich weiß, existieren solche Verträge nicht", sagte sie den Abgeordneten des Gesundheitsausschusses, die EU-Kommission habe "gute Informationen" zu diesem Thema. Sollten solche Verträge aber doch existieren, würden sie in jedem Fall erst nach den EU-Bestellungen bedient werden. So hatte das auch ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Montag dargestellt.

Derweil könnte sich das Impfstoffportfolio der EU-Kommission demnächst noch vergrößern. Gallina sagte, die Behörde habe am Dienstag Sondierungsgespräche mit dem Pharmaunternehmen Valneva abgeschlossen; der geplante Vertrag würde den EU-Mitgliedstaaten insgesamt 60 Millionen Dosen sichern.

© SZ
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