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Coronavirus:Lateinamerika wird zum Testfeld für die Pharmaindustrie

Coronavirus - Corona-Impfstoff wird in Brasilien getestet

Eine Freiwillige im brasilianischen São Paulo lässt sich am Institut für Infektiologie Emílio Ribas mit einem Corona-Impfstoff des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac impfen. Es handelt sich um die dritte Testphase des Wirkstoffes.

(Foto: dpa)

Hohe Infektionsraten, viele freiwillige Studienteilnehmer - Lateinamerika ist ein Hotspot der Corona-Pandemie, doch die betroffenen Länder sind auch Hoffnungsträger bei der Entwicklung von Impfstoffen.

Von Christoph Gurk, Rio de Janeiro

Es war Mitte Juli, als das Instituto Butantan einen Aufruf ins Netz stellte: Die renommierte Forschungseinrichtung aus São Paulo suchte nach Freiwilligen für Impfstofftests, Wirksamkeit ungesichert, Nebenwirkungen durchaus möglich. Normalerweise ein nicht unbedingt verlockendes Angebot. Weil es sich bei der Studie aber um ein Mittel gegen Covid-19 handelte, hatten die Forscher gehofft, dass es zumindest ein paar Interessenten geben werde.

Innerhalb von 24 Stunden meldeten sich dann aber rund 600 000 Freiwillige, ein Ansturm, mit dem niemand gerechnet hatte. Bald schon waren es sogar mehr als eine Million Interessenten - dabei gab es in der Studie überhaupt nur Platz für 9000 Probanden. "Das war schon beachtlich", sagte der Direktor des Instituto Butantan, Dimas Cova, kurz darauf etwas verwundert der brasilianischen Zeitschrift Época. "Es zeigt aber auch, wie besorgt die Menschen sind."

Tatsächlich steht Brasilien heute zusammen mit den USA an der Spitze der am meisten von Covid-19 betroffenen Länder der Welt. Mehr als 2,7 Millionen Infizierungen wurden hier schon registriert, fast 95 000 Menschen sind an dem Erreger gestorben, mancherorts werden Tote in Massengräbern bestattet. In der Statistik mit den weltweiten Corona-Toten steht hinter Brasilien mittlerweile noch ein weiteres lateinamerikanisches Land: Mexiko.

Und auch in Bolivien, Peru, Argentinien und Kolumbien wütet das Virus wie nie zuvor. Viele Länder hatten zwar früh regiert und entschiedene Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Aber alte Probleme der Region sind in der Pandemie zur tödlichen Bedrohung geworden. So haben Millionen Menschen in Lateinamerika keinen festen Job oder Arbeitsvertrag. Sie können sich eine Quarantäne nicht leisten, denn bleiben sie zu Hause, verdienen sie nichts - und abends bleibt der Esstisch leer. Dazu kommen teils riesige Armenviertel in Städten wie Buenos Aires, Rio oder Mexiko-Stadt. Enge Gassen, kein fließendes Wasser: beste Voraussetzungen für das Virus.

Nur wenn sich Probanden mit dem Virus infizieren, lässt sich testen, was ein Wirkstoff taugt

Doch so düster die Lage auch ist, es glimmt dennoch auch ein Hoffnungsschimmer. Denn momentan gibt es zwar nirgendwo mehr Covid-19-Erkrankungen als in Lateinamerika und der Karibik. Gleichzeitig laufen aber auch nirgends so viele und so breit angelegte Tests mit Impfstoffen gegen den Erreger wie hier. Chiles Regierung sagt, man sei gleich mit mehreren Pharmafirmen in Gesprächen, und Mexiko hat bereits einen Vertrag unterschrieben.

In Argentinien beginnen diese Woche schon die ersten Tests, und in Brasilien ist man noch viel weiter: Gleich zwei Tests laufen hier schon, ein weiterer hat gerade begonnen, jeder von ihnen mit Tausenden Teilnehmern.

Lateinamerika verwandelt sich in ein Testlabor für die Welt. Für Pharmafirmen hat die Region gleich mehrere Vorteile. In ihren Studien muss sich zumindest ein Teil der Probanden mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Nur so lässt sich testen, ob ein Impfstoff im Alltag wirklich funktioniert. Am einfachsten wäre es natürlich, solche Infektionen vorsätzlich herbeizuführen. Dies aber widerspricht weltweiten Bestimmungen, vor allem aber auch der Ethik.

Firmen müssen also warten, bis sich ihre Probanden von alleine infizieren; und die Chance, dass sie dies tun, steigt in den Regionen, in denen das Virus besonders weit verbreitet ist. Lateinamerika mit seinen Millionen Infizierten wird so vom Hotspot zum Hoffnungsträger.

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Gleichzeitig gibt es in der Region auch eine genügend große und gute medizinische Infrastruktur, um die Tests durchzuführen und auch zu überwachen. Ein Beispiel ist das Instituto Butantan in São Paulo: Gegründet 1901 nach einer verheerenden Beulenpest, gehört das Butantan heute zu den weltweit renommiertesten biomedizinischen Forschungszentren. Gleichzeitig ist es auch noch einer der größten Impfstoffproduzenten des Landes. Das schafft Vertrauen, sowohl bei Freiwilligen als auch bei Pharmafirmen wie Sinovac, die mit dem Institut nun zusammenarbeiten.

Die Regierung verkaufe ihre Bürger als Laborratten, argwöhnen Kritiker

Natürlich gibt es auch Kritik. Die Regierung würde ihre Bürger als Laborratten verkaufen, schreiben wütende Nutzer im Netz. Die Welt mache sich Lateinamerika zu Nutze, mal wieder.

Der Ansturm der Testwilligen auf das Instituto Butantan zeigt aber auf der anderen Seite, wie verzweifelt viele Menschen vor allem in Brasilien sind. Präsident Jair Bolsonaro hat dort alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie torpediert. Die Gefahren durch das Virus spielt er herunter. Dass nun ausgerechnet in seinem Land gleich drei Impfstoff-Studien durchgeführt werden, liegt weniger an später Einsicht als vielmehr an politischem Ränkespiel.

So kam das erste Abkommen mit einem Pharmaunternehmen nicht über die Regierung in Brasília zustande, sondern über João Doria, den Gouverneur von São Paulo. Er soll ausgehandelt haben, dass der Bundesstaat bei positiven Ergebnissen privilegierten Zugriff bekommt. Dies wäre nicht nur medizinisch, sondern auch politisch ein Erfolg. Doria werden Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt.

Bolsonaro wollte bei all dem anscheinend kein Risiko eingehen. Obwohl er selbst das Virus stets nur als "Grippchen" bezeichnet hat, unterstützt seine Regierung nun ebenfalls Impfstofftests, diesmal von der Universität Oxford und dem britischen Pharmakonzern Astra Zeneca. Sollten sie erfolgreich sein, dürfte Brasilien den Impfstoff begrenzt sogar auch selbst herstellen.

Auch alle anderen Regierungen der Region haben bei den Abkommen für Impfstofftests solche privilegierten, zumindest aber gesicherten Zugänge ausgehandelt. Denn dass Lateinamerika zu einem Testlabor wird, liegt nicht nur an hohen Infektionszahlen und guter Infrastruktur, sondern auch an schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit.

Zu frisch sind noch die Erinnerungen an den gnadenlosen Wettkampf, der zu Beginn der Pandemie weltweit um Mundschutzmasken und Atemgeräte ausbrach. Lateinamerika geriet dabei meist ins Hintertreffen, zu skrupellos und kaufkräftig waren andere Nationen, vor allem die USA. Und so holen sich die Regierungen der Region nicht nur Pharmafirmen und deren Impfstoffstudien ins Land - sondern auch ein bisschen Hoffnung in düsteren Zeiten.

© SZ vom 03.08.2020

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